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USA:Ambitionen auf Höheres

Joe Biden will bald bekanntgeben, wer als Vizepräsidentin an seiner Seite ins Weiße Haus ziehen soll, wenn er die Wahl gewinnt. Die Bewerberinnen spekulieren darauf, ihn beerben zu können.

Von Christian Zaschke, New York

Seit Monaten hat das Team von Joe Biden die Lebensläufe von möglichen Kandidatinnen für den Posten der Vizepräsidentin mit penibler Genauigkeit geprüft. Biden selbst hat Dutzende Gespräche geführt. Wieder und wieder saß er mit Chris Dodd zusammen, der 20 Jahre lang Senator für Connecticut war und nun das Team leitet, das die geeignete Frau finden soll, die an Bidens Seite in den Wahlkampf gegen Präsident Donald Trump zieht. Dieser Prozess ist abgeschlossen. In der ersten Augustwoche, hatte Biden gesagt, werde er eine Entscheidung treffen.

Offen ist, ob er diese Entscheidung dann auch umgehend bekannt gibt. Spätestens jedoch zum Beginn des virtuellen Parteitags der Demokraten, der am 17. August beginnt, wird er verkünden, für wen er sich entschieden hat. Darauf, dass es eine Frau sein wird, hatte Biden sich früh festgelegt. Trotz des langwierigen Auswahlprozesses ist das Feld noch immer nicht sonderlich klein geworden, und so ist es unter den politischen Beobachtern ein beliebter Zeitvertreib, Ranglisten der Kandidatinnen zu erstellen. In fast jeder dieser Listen führt die kalifornische Senatorin Kamala Harris.

Anfang der Woche wurde Biden bei einer Veranstaltung in Delaware fotografiert. Mit im Bild war ein Notizzettel Bidens, auf dem ganz oben der Name Kamala Harris stand. Darunter waren Punkte aufgeführt, die für sie als Kandidatin sprechen. Es ist nicht bekannt, ob es derartige Zettel auch mit den Namen der übrigen Bewerberinnen gibt. Aber seit in der Welt ist, dass es den Harris-Zettel gibt, gilt sie umso mehr als Favoritin. Für die 55 Jahre alte Harris spricht, dass sie zu den profiliertesten afroamerikanischen Politikerinnen des Landes zählt. Bevor sie 2017 Senatorin wurde, arbeitete sie zudem als Generalstaatsanwältin von Kalifornien.

Ursprünglich war sie im vergangenen Jahr selbst angetreten, um Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zu werden. Sie beendete ihre Kampagne jedoch im Dezember, als klar wurde, dass sie keinerlei Chancen hatte, die Nominierung zu gewinnen. Das spricht einerseits für sie, weil es bedeutet, dass sie Erfahrung auf der großen Bühne gesammelt hat. Andererseits geriet sie einmal in einem Fernsehduell mit Biden aneinander.

Senatorin Kamala Harris werden die besten Chancen nachgesagt, doch es gibt auch Zweifel an ihr

Chris Dodd soll ihr immer noch übel nehmen, dass sie keinerlei Reue für ihre Attacken auf Biden zeige. Auf entsprechende Nachfrage soll sie gelassen gesagt haben: "Das ist das politische Geschäft." Der Sender CNBC hat zudem in dieser Woche berichtet, dass eine Gruppe von wichtigen Geldgebern versuche, die Wahl von Harris zu verhindern, weil man Zweifel an ihrer Loyalität habe. Sie werde, so die Sorge, ihre Energie darauf konzentrieren, möglichst rasch selbst Präsidentin zu werden. Der Gedanke ist insofern nicht abwegig, als es als sicher gilt, dass der 78 Jahre alte Biden lediglich für eine Amtszeit antritt. Seine Vizepräsidentin wäre anschließend die logische Kandidatin der Demokraten. Das allerdings gilt nicht nur für Harris.

Zwei Frauen sind erst in der jüngeren Vergangenheit ins engere Blickfeld geraten. Zum einen wäre das die 55 Jahre alte Susan Rice, die unter Barack Obama als UN-Botschafterin und als Nationale Sicherheitsberaterin arbeitete. Sie hat das schärfste außenpolitische Profil aller Kandidatinnen. Allerdings ist sie nie in ein politisches Amt gewählt worden. Zudem macht ihr Sohn aus seiner Vorliebe für Trump und die Republikaner keinen Hehl. Dennoch werden ihr gute Chancen eingeräumt. Zum anderen wäre das die 66 Jahre alte Abgeordnete Karen Bass, die wie Harris aus Kalifornien kommt. Sie hat sich zuletzt zu einer Geheimfavoritin entwickelt. Bass gilt als ruhig, versiert und erfahren. Sie ist die Vorsitzende der Vereinigung der afroamerikanischen Mitglieder des Kongresses und genießt in dieser Rolle in beiden Parteien hohes Ansehen. Das Magazin Politico berichtet, dass Chris Dodds Zweifel an Kamala Harris mittlerweile so groß seien, dass er zunehmend für Bass plädiere, nicht zuletzt, weil diese als loyal gilt.

Seit jeher steht auch Elizabeth Warren weit oben in den Ranglisten. Die 71 Jahre alte Senatorin aus Massachusetts galt lange als aussichtsreiche Kandidatin. Mit ihr an seiner Seite könnte der moderate Biden den progressiven Flügel seiner Partei ansprechen. Allerdings wünschen sich die Republikaner wohl nichts mehr, als dass Biden sich für Warren entscheidet, weil es ihnen dann leichter fiele, dass Zerrbild einer linksradikalen Partei zu entwerfen.

Zudem haben die seit gut zwei Monaten andauernden Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt das Klima insoweit verändert, dass erwartet wird, dass Biden eher eine Vertreterin einer Minderheit wählt. Das könnte zum Beispiel die 52 Jahre Thai-Amerikanerin Tammy Duckworth sein. Die Senatorin aus Illinois ist Veteranin, sie verlor im Irakkrieg beide Beine und trägt Prothesen. Als der Fox-News-Moderator Tucker Carlson kürzlich sagte, sie hasse Amerika, antwortete Duckworth: "Will Tucker Carlson vielleicht eine Meile mit meinen Beinen laufen und mir danach sagen, ob ich Amerika liebe oder nicht?"

Ebenfalls im Rennen sind die Abgeordnete Val Demings aus Florida, dem größten Swing State im Land, sowie Keisha Lance Bottoms, die Bürgermeisterin von Atlanta. Da Biden bei Latino-Wählern bisher wenig Eindruck hinterlassen hat, könnte auch Michelle Lujan Grisham eine Option sein, die Gouverneurin von New Mexiko.

Dass Chris Dodd es Kamala Harris so übel nimmt, dass sie Joe Biden im vergangenen Jahr bei der Fernsehdebatte scharf angegriffen hat, heißt übrigens nicht, dass der Kandidat das auch tut. Auf dem Notizzettel, mit dem er Anfang der Woche fotografiert wurde, stand unter dem Namen Kamala Harris als Erstes der Eintrag: "Hege keinen Groll."

© SZ vom 01.08.2020

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