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US-Autor Taibbi rechnet mit Wall Street ab:Lizenz zum Pöbeln

Rock 'n' Roll der Finanzkrise: Autor Matt Taibbi ist Goldman Sachs' Erzfeind und hat "das größte Arschloch im Universum" ausfindig gemacht. Er hält Amerikas erfolgreichste Banker für Kriminelle, die von Politikern gedeckt werden. Mit seiner Polemik spricht er der Generation Occupy aus der Seele.

Lichter von New York

Für Autor Matt Taibbi ein Nest voller Kriminellen. Das Zentrum Manhattans mit dem Finanzdistrikt.

(Foto: dpa)

Die Zeiten, in der man das Establishment mit Rock 'n' Roll schockieren konnte, sind vorbei. Matt Taibbi probiert es trotzdem noch einmal. Für das US-Musikmagazin Rolling Stone arbeitet er die Finanzkrise popjournalistisch auf. Das bedeutet in Taibbis Fall: laut und beleidigend. Seine Essaysammlung Kleptopia grenzt an Verschwörungstheorie. Aber Taibbi ist ein begnadeter Polemiker, und er ist nicht allein: Im Nachwort schreibt er, immerhin die Occupy-Bewegung habe begriffen, dass es "nicht um den Konflikt rechts gegen links geht, sondern eine zunehmende Zahl Armer gegen ein paar wenige Reiche".

Taibbis Diagnose: Das System ist kaputt. Millionen Amerikaner haben ihr Heim verloren und subventionieren mit Steuern Banken. Doch anstatt jene vermeintlich kriminelle Finanzoligarchie zur Rechenschaft zu ziehen, die nach der Krise 2008 straflos davonkam, beschäftige sich Amerika mit absurdem Wahlkampfgetöse à la "Ist Obama Moslem?".

Im Finanzjournalismus ist Taibbi ein Exot. In den 90ern leitete er ein Magazin in Moskau, dessen Autoren Korruption anprangerten, aber auch Viagra mit Prostituierten "testeten". In Kleptopia polemisiert er, als Pop-Autor hat er die Lizenz zum Pöbeln. Er zieht über die Frisuren seiner Interviewpartner her, den langjährigen Notenbankchef Alan Greenspan adelt er zum "größten Arschloch im Universum". Jenseits der Beleidigungen ist ein roter Faden nicht sofort erkennbar. Kleptopia versammelt Texte zu Rohstoffblasen, Gesundheitsreform, Bankenrettung und Tea-Party-Bewegung.

Taibbi lässt Bösewichter auftreten: Greenspan, den Politiker als Weisen verehrten, zerstörte demnach die Bankenaufsicht. Obamas Stabschef Rahm Emanuel schneiderte gegen Wahlspenden die Gesundheitsreform, die monopolistische Versicherer noch reicher macht. Bei Goldman Sachs regiere sowieso die Gier. 2009 erklärte Taibbi die Bank in einem Artikel zum blutsaugenden "Vampir-Tintenfisch". Bis heute müssen sich ihre Banker angeblich Calamari-Witze anhören.

Das ist alles undifferenziert und teils nicht einmal kompetent. Seiner Analyse der Rohstoffspekulation merkt man an, dass er kein Ökonom ist. Dafür ist Kleptopia ein packendes Panorama einer Demokratie, in der das Verhältnis von Politik und Wirtschaft verrutscht ist. Grundsätzlich bevorzugt Taibbi die linke Erzählweise der Krise: Banken drängten auf Deregulierung. Dann zockten sie ihre Kunden ab, wetteten gegen ihre eigenen Schrottderivate. Nach dem Crash ließen sie sich von ehemaligen Kollegen, die mittlerweile für die Regierung arbeiteten, mit Milliarden retten.

Doch Taibbi gibt auch der rechten Tea Party recht: Der US-Staat sei tatsächlich ein bürokratisches Monster. Selbständige wie Arme würden mit Vorschriften drangsaliert, aber Großkonzerne profitierten von Ausnahmeregeln. Taibbis USA ist kein hyperkapitalistischer Dschungel, sondern ein riesiges Protektions- und Subventionssystem, das vor allem den Reichsten hilft.

Den einfachen Amerikanern wünscht der Rock 'n' Roller die soliden fünfziger Jahre zurück: "Man erinnert sich, dass man einmal einen Job hatte, ein Haus, ein Auto und einen gefüllten Kühlschrank." Der Mann ist vielleicht gar kein Rüpel, sondern nur Sozialdemokrat. Am stärksten ist Kleptopia, wenn Taibbi über die eigene Branche reflektiert: Eineinhalb Jahre nach der Krise ist er der einzige Journalist auf der Tribüne einer Senatsanhörung von Bankern - allein unter Lobbyisten. Auch von der Angst in Redaktionsräumen berichtet er, wenn die Staranwälte der Banken mit Klagen drohen. Wer das liest, möchte auch ausfallend werden.

Matt Taibbi: Kleptopia. Wie uns Finanzindustrie, Politik und Banken für dumm verkaufen. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Anne Emmert. Riemann Verlag, München 2012. 368 Seiten. 16,99 Euro.