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Unruhen im Jemen:Soldaten beschießen Protestcamp mit Granaten

Regierungstreue Soldaten gehen im Jemen mit bisher ungekannter Brutalität gegen die Protestbewegung vor: Sicherheitskräfte schossen mit Granaten auf ein Zeltlager der Demonstranten, es gab mehrere Tote und Verletzte. Die Regimegegner wehren sich und stürmten einen Militärstützpunkt in der Hauptstadt - der Druck auf Präsident Salih wächst.

Die Gewalt im Jemen hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Nach Angaben von BBC News haben Regierungstruppen in der Hauptstadt Sanaa mit Granaten auf ein Zeltlager der Protesbewegung gefeuert. Dabei seien mindestens zwei Menschen getötet worden und zahlreiche weitere verletzt, berichteten Ärzte in der jemenitischen Hauptstadt.

Anti-government protests in Yemen

Mit Blut an den Händen: Ein Demonstrant der jemenitischen Opposition in Sanaa.

(Foto: dpa)

Insgesamt kamen bei Zusammenstößen zwischen Regierungstruppen und Regimegegnern am Dienstag neun Menschen ums Leben. Bei den Todesopfern handle es sich um drei Demonstranten, drei Rebellenkämpfer und einen Passanten, wie aus Krankenhauskreisen verlautete.

Die Sicherheitskräfte hätten laut Augenzeugenberichten schon am frühen Dienstagmorgen mit dem Beschuss der Demonstranten begonnen. "Wir kamen gerade von unseren Gebeten zurück, als plötzlich eine Rakete in unserer Nähe einschlug und einige Menschen zu Boden fielen", sagte Manea al-Matari, ein Mitglied der Protestbewegung, der Nachrichtenagentur Reuters.

Demonstranten stürmen Militärstützpunkt

Unterdessen haben Tausende Demonstranten einen Stützpunkt der Regierungstruppen in der Hauptstadt eingenommen. Unterstützt wurden die Oppositionsanhänger von abtrünnigen Militärs. Nach Augenzeugenberichten soll bei der Erstürmung kein Schuss gefallen sein. Die Soldaten der Republikanischen Garden von Präsident Ali Abdullah Salih seien geflüchtet und hätten ihre Waffen zurückgelassen.

Der seit einem Granatangriff auf seine Residenz vor drei Monaten in Behandlung in Saudi-Arabien befindliche Präsident gerät damit weiter unter Druck. Bereits am Montag hatten Sicherheitskräfte erneut Dutzende Oppositionsanhänger bei Kundgebungen gegen Präsident Salih erschossen. Nachdem am Vortag in dem bitterarmen arabischen Land 26 Demonstranten ums Leben gekommen waren, töteten Salih-treue Truppen weitere 32 Regimegegner.

Allein in Sanaa seien 24 Menschen, unter ihnen ein Kind, gestorben, berichteten Ärzte und Helfer eines improvisierten Lazaretts. In der südlichen Stadt Taiz starben vier Demonstranten, als die Sicherheitskräfte mit Tränengas und scharfer Munition in eine Anti-Salih-Kundgebung schossen, bestätigten Krankenhausärzte.

Bundesregierung verurteilt Eskalation

Die Bundesregierung verurteilte die jüngste Eskalation der Gewalt im Jemen. Das repressive Vorgehen der Sicherheitskräfte provoziere eine Verschärfung der Lage, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Augenzeugen berichteten, Gegner des Präsidenten hätten in der Nacht zum Montag ihre Zeltstadt auf dem "Platz des Wandels" (Taghier-Platz) in Sanaa vergrößert. Sicherheitskräfte hätten die neuen Zeltbewohner daraufhin mit Waffengewalt vertrieben. Wie schon am Vortag schossen auch Scharfschützen von Hausdächern in die Menschenmenge.

Die jüngsten Ereignisse markieren die blutigste Unterdrückung von Protestkundgebungen seit Monaten: Mindestens 60 Menschen kamen seit der neuerlichen Eskalation der Gewalt am Sonntag ums Leben, bis zu 1000 weitere wurden verletzt.

Der seit 1978 regierende Staatschef lässt sich seit einem Granatangriff im Juni, bei dem er schwer verletzt wurde, in Saudi-Arabien behandeln. Seit Mai weigert sich der 69-Jährige beharrlich, einen Plan des Golf-Kooperationsrates (GCC) für eine geordnete Übergabe der Macht zu akzeptieren. Die Protestbewegung fordert kategorisch seinen Rücktritt. Außerdem will sie Salih und mehrere hochrangige Funktionäre vor Gericht stellen.