bedeckt München

UN-Organisationen:Schwächelnde Helfer

UN-Flagge am World Conference Center Bonn. Bonn, 01.06.2019 *** UN Flag at the World Conference Center Bonn Bonn, 01 06

Ohne die Arbeit der vielen UN-Organisationen wäre das Elend in vielen Ländern zweifellos noch schlimmer.

(Foto: Christoph Hardt/imago images/Future Image)

Zwischen Großmächten und Skandalen: Warum manche Unter- und Sonderorganisationen der UN immer wieder in die Kritik geraten.

Von Arne Perras

Die Vereinten Nationen haben viele Aushängeschilder. In den ärmeren Gegenden der Welt kennen oft schon die Kinder die blauen Logos der UN-Teams. Sie verteilen Essen oder Medikamente, bereiten Trinkwasser auf, liefern Zelte, Werkzeuge, Saatgut. Andere bieten Beratungsdienste an. Was sie eint, ist ihr humanitärer Auftrag, eine grenzübergreifende Mission von historischer Bedeutung. Es gilt die Armut zu besiegen, Menschenrechte zu schützen, Bildung und Frieden zu sichern. In der Praxis klaffen Anspruch und Wirklichkeit allerdings auseinander, was nicht nur, aber oft an den extremen Verhältnissen liegt, in denen UN-Organisationen arbeiten, in Kriegsgebieten, bei Seuchen, nach Katastrophen. Im Laufe der Jahrzehnte entzündete sich immer wieder Kritik an der Arbeit der UN-Samariter. Vier Beispiele:

WHO

Die Covid-19-Pandemie setzte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgerechnet im 75. Jubiläumsjahr der UN unter immensen Druck. Zwar ist der Kampf gegen Seuchen Kernaufgabe der WHO, sie hat viele Experten und lange Erfahrung. Doch ihren schwierigsten Test erlebt sie wohl erst jetzt, mit Covid-19. Kritiker beklagen, dass die WHO in der Krise eine zu große Abhängigkeit von China gezeigt habe, Peking verweigerte bei der Aufklärung die nötige Transparenz. Der US-Gesundheitsminister warf der WHO Versagen vor. Die New York Times formulierte im Sommer die Existenz-Frage: "Tötet das Coronavirus die Weltgesundheitsorganisation?"

Schon 2014 war auf einem anderen Kontinent aufgefallen, dass die WHO schwächelte. Beim Ebola-Ausbruch in Westafrika reagierte sie viel zu langsam, wie die medizinische Fachzeitschrift The Lancet unter Berufung auf unabhängige Experten bemängelte. Die Streitigkeiten um Corona, die WHO und China erreichten ihren Höhepunkt, als US-Präsident Donald Trump ankündigte, dass Washington die Organisation verlassen werde. Das wiederum irritierte all jene Regierungen, die in Zeiten einer Pandemie eine starke WHO befürworten, und nicht eine, die durch den Rückzug der USA noch schwächer wird. So werden die Rufe lauter, dass die Organisation dringend reformiert werden müsse, um stärker gewappnet zu sein gegen politische Einflussnahme und Missbrauch.

UNFPA

Auch aus dem UN-Bevölkerungsfonds, kurz UNFPA, haben sich die USA unter Trump vor drei Jahren zurückgezogen. Vor allem christlich-konservative Organisationen in den USA verteufeln die UNFPA, weil sie mit Familienplanungsprogrammen angeblich indirekt Abtreibungen befördert, etwa in China. Doch überwiegt im Rest der Welt der Zuspruch. Denn mit den Jahren wurde deutlich, dass Hilfen zur Familienplanung vor allem Frauenrechte stärken und Elend mindern.

Unicef

In den reichen Ländern dürfte Unicef die bekannteste Unterorganisation der UN sein. Nach seiner Gründung half das Kinderhilfswerk zunächst im kriegszerstörten Europa, 1965 erhielt es den Friedensnobelpreis. Später konzentrierte sich die Organisation auf Entwicklungsländer. Mit aufwendigen, emotionalen Kampagnen und intensiver Lobbyarbeit hat sie die Sympathien vieler Millionen Unterstützer in aller Welt erworben. Doch auch Unicef war gegen Skandale nicht immun. 2008 trat der Vorstand der deutschen Abteilung zurück, nachdem zuvor Hinweise auf mutmaßlich verschwenderischen Umgang mit Spenden und überhöhte Honorare aufgetaucht waren. Die Wut bei Mitarbeitern und Unterstützern war groß. Der Imageschaden wirkte lange nach, auch wenn Unicef viel dafür getan hat, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

WFP

Der Friedensnobelpreis rückte Anfang des Monats das zumindest hierzulande nicht allzu bekannte Welternährungsprogramm ins Licht der Öffentlichkeit. Die UN-Unterorganisation konzentriert sich auf Nothilfe bei Kriegen, Dürren, Erdbeben oder Überflutungen. Eine ausgefeilte Logistik trägt dazu bei, dass die großen Hungersnöte, wie man sie in früheren Jahrzehnten kannte, inzwischen meist verhindert werden können. Ausnahmen wie zuletzt in Jemen gibt es aber weiterhin. Das WFP erntet viel Lob, manchmal aber treten auch seine Schattenseiten hervor. Besonders in afrikanischen Ländern war zu beobachten, dass dem Welternährungsprogramm, aber auch den betroffenen Staaten, oft eine schlüssige Exit-Strategie fehlt, wenn akute Notlagen zu Ende gehen. Das WFP blieb länger als nötig, schuf Abhängigkeiten, die lähmend wirkten. So wird Hilfe irgendwann zum süßen Gift.

Am WFP zeigt sich exemplarisch, in welches Dilemma UN-Organisationen geraten können, wenn sie in schwer umkämpftes Terrain vorstoßen. In Konfliktgebieten und korrupten Staaten nützt die Hilfe am Ende nicht immer jenen, die sie am dringendsten brauchen. Kriegsherren manipulierten humanitäre Hilfe für ihre Zwecke.

Machen sich die UN mitschuldig, wenn sie unter solchen Bedingungen Hilfe leisten? Und welche Folgen hätte es, wenn sie die Einsätze verweigern würden? Diese Streitfragen sind so alt wie die Arbeit der Vereinten Nationen, und Auswege sind schwer zu finden. Zuletzt rief die humanitäre Hilfe zahlreicher UN-Organisationen in Syrien wachsendes Unbehagen hervor, weil die Lieferungen größtenteils über Partner abgewickelt werden, die mit dem Assad-Regime verbunden sind. Der Kriegsforscher Reinoud Leenders vom King's College London, der sich intensiv mit diesem Einsatzgebiet befasst, klagte schon 2016 in der britischen Zeitung Guardian: "Der angebliche Pragmatismus der UN ist einer fragwürdigen Nähe zum Regime gewichen."

In Zeiten von Corona allerdings wird der Bedarf an humanitären UN-Einsätzen auf allen Kontinenten steigen, weil die wirtschaftliche Not viele Fortschritte im Kampf gegen das Elend wieder zunichte macht. Auf diese neue Phase sind die UN-Organisationen noch gar nicht ausreichend vorbereitet.

© SZ/rpr
Zur SZ-Startseite