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Umwelt:Ein Platz für Fische

Sogar Biologen sagen: Es könnte Vorteile haben, Teile von Bohrinseln auf dem Meeresgrund zu lassen. Wovon es abhängt, ob die Reste zum Biotop werden.

Fischer kennen das Phänomen schon lange: Wenn man ein Objekt ins Wasser lässt, dauert es nicht lange, bis alle möglichen Meeresbewohner sich drumherum versammeln. Thunfisch beispielsweise wird unter anderem mithilfe künstlicher Plattformen gefangen, die auf der Oberfläche treiben und die Tiere anziehen. In manchen Ländern arbeiten Fischer mit Flößen aus Bambus, an deren Unterseite Palmwedel befestigt sind. Ähnliches passiert an den Pfeilern von Ölplattformen. Schon öfter haben Meeresbiologen beobachtet, dass in der Umgebung von Bohrinseln das Leben unter Wasser tobt - egal ob vor Kalifornien oder in der Nordsee. Das allein sei jedoch noch kein Beweis, dass die Pfeiler ein Gewinn für das Ökosystem sind, sagt Sebastian Ferse, Riffökologe am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. Entscheidend sei, ob sich die Fische um die Pfeiler herum nur akkumulieren, also anderswo im Ökosystem fehlen - oder ob die Anlagen tatsächlich bewirken, dass die Zahl der Lebewesen insgesamt zunimmt.

Eine Studie, die Biologen vor gut zwei Jahren in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht haben, stützt den sogenannten Rigs-to-Reefs-Ansatz: Der nimmt an, dass es sinnvoll ist, ausgediente Bohrinseln als künstliche Riffe im Wasser zu lassen. Die Wissenschaftler vom Occidental College in Los Angeles fanden heraus, dass Fische an Plattformen vor der Küste Kaliforniens 27-mal besser gedeihen als an den natürlichen Felsriffen der Region. Der Grund dafür sei, dass die Pfeiler mit ihren zahlreichen Querverstrebungen eine ungeheuer große Oberfläche pro Quadratmeter Meeresboden schaffen. Auf diesen zusätzlichen Flächen siedeln sich viele wirbellose Tiere an, die wiederum von anderen Meeresbewohnern gefressen werden. Das reichliche Nahrungsangebot bewirkt, dass die Fische gut gedeihen und sich vermehren können. Außerdem könnten sich viele Tiere unter den bodennahen Querstreben vor Feinden verstecken.

Hunderte Waggons der New Yorker U-Bahn machen sich jetzt im Atlantik nützlich

Ob das so ähnlich auch mit den ausgedienten Brent-Plattformen funktionieren könnte, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel, ob die Pfeiler einen sogenannten Antifouling-Anstrich haben, der ja gerade verhindern soll, dass sich Organismen festsetzen. "In diesem Fall müsste man darüber nachdenken, den Anstrich zu entfernen - was aber nicht ganz einfach ist, wenn man verhindern will, dass die gesamte Umwelt vergiftet wird", sagt Ferse. Klar ist, dass die Motive für solche Aktionen meist nicht rein altruistisch sind. Ein Beispiel sind Hunderte ausrangierte Waggons der New Yorker U-Bahn, die seit 2001 in den Atlantischen Ozean vor der Küste von Delaware gekippt wurden - mit dem Argument, auf diese Weise ein künstliches Riff zu schaffen. Für den Betreiber war das eine billige Entsorgungsmöglichkeit. Immerhin scheint sich das sogenannte Redbird Reef aber gut zu entwickeln. Weniger erfreulich ging eine Aktion aus, bei der in den 1980er-Jahren 25 000 alte Autoreifen vor der Côte d'Azur versenkt wurden. Der Gummi war viel zu weich, sodass sich Meeresorganismen nicht ansiedeln konnten. Umweltschützer kritisieren, dass das Material giftige Schwermetalle freisetzt, und immer wieder werden Reifen aus ihrer Verankerung gerissen. Sie schleifen dann über den Meeresgrund und hinterlassen eine Spur der Zerstörung.

© SZ vom 13.02.2017
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