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Umwelt:"Die Zeit rennt, ihr pennt"

Während weltweit Hunderttausende Schüler für mehr Klimaschutz demonstrieren, versucht sich Berlin an einem neuen Gremium: Handeln soll künftig ein Klimakabinett.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der Invalidenpark läuft über. In Berlin sammeln sich dort die Schüler zum Klimastreik, zwischen Verkehrs- und Wirtschaftsministerium. Aber der Platz reicht nicht mehr. Das gleiche Bild in anderen deutschen Städten, in München, Stuttgart, Bremen, Düsseldorf; in anderen Städten Europas, wie Warschau, Rom, Paris; in Asien und Australien. Hunderttausende nehmen an diesem Freitag weltweit an den Demonstrationen teil. "Omas for Future" sind dabei, "Engineers for Future" und natürlich auch "Parents for Future". Es ist der vorläufige Höhepunkt der Fridays-for-Future-Bewegung. Und sie beginnt zu wirken - weil Politik den Protesten der Schüler wenig Entlastendes entgegenzusetzen hat, auch in Deutschland.

Als sich der Berliner Zug der Schüler schließlich in Bewegung setzt, erklärt hundert Meter entfernt gerade Regierungssprecher Steffen Seibert im Haus der Bundespressekonferenz die Ergebnisse des Vorabends. Ein eigenes Klimakabinett soll einberufen werden, unter Führung der Kanzlerin. Alle Ministerien, die zum Klimaschutz beitragen können, sollen dabei sein. "Wir wollen ein Land sein, das seine Klimaziele einhält", sagt Seibert.

Viele der Schüler draußen haben einen anderen Eindruck. "Die Zeit rennt, ihr pennt", steht auf Plakaten. Oder: "Tu was, GroKo!" Tatsächlich hat die große Koalition bislang, von der Einigung auf einen Kohleausstieg mal abgesehen, wenig zustande gebracht. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat einen Entwurf für ein Klimaschutzgesetz vorgelegt, der prompt vom Wirtschaftsflügel der Union in der Luft zerrissen wurde.

Students demonstrate to demand global action on climate change as part of the 'Fridays for Future' movement in Madrid

In Madrid fordern Studenten Maßnahmen gegen den Klimawandel. Auch sie verstehen sich als Teil der „Fridays for Future“-Bewegung.

(Foto: REUTERS)

Das Klimakabinett soll nun den Ausweg bahnen: Künftig sollen sich die Minister gemeinsam überlegen, wie sie die Ziele für 2030 erreichen wollen - immerhin eine Minderung der klimaschädlichen Emissionen von 55 Prozent, gemessen an 1990. Damit, so sagt SPD-Chefin Andrea Nahles, werde "Klimaschutz zur Chefsache". Die zugehörigen Gesetze würden die Arbeit der Koalition in diesem Jahr "sehr stark prägen". Denn auch das hat die Koalition noch einmal bekräftigt: Noch in diesem Jahr soll ein Klimagesetz stehen.

Gerade für die SPD ist das Thema nicht einfach, geht es schließlich auch um die Jobs gut bezahlter Industriearbeiter. Die Kohlekommission befasste sich deshalb in den meisten ihrer Sitzungen und im größeren Teil ihres Schlussberichts mit dem Strukturwandel: Was passiert mit den Braunkohleregionen, wenn die Kraftwerke dicht sind? Ähnliches soll sich nun eine "konzertierte Aktion Mobilität" vorknöpfen, nur eben für die Autoindustrie.

Auch dort könnten Tausende Jobs verloren gehen, sollte der Verbrennungsmotor irgendwann Vergangenheit sein. Meinen es Union und SPD ernst mit ihren Klimazielen, führt daran kaum ein Weg vorbei. "Die Lösungen liegen auf dem Tisch", sagt Barbara Praetorius, selbst einst Vorsitzende der Kohlekommission. "Aber es darf jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass man Zeit schindet, indem man ein Gremium nach dem anderen ins Leben ruft." Denn Geduld ist nichts, womit sich die Schüler in aller Welt noch begnügen wollen. "Auch die Dinosaurier glaubten, dass sie noch Zeit haben", heißt es auf einem Transparent. Die Proteste zeigten einen "weltweiten Generationenkonflikt, der 1968 in den Schatten stellen könnte", sagt Christoph Bals, Kopf der Entwicklungsorganisation Germanwatch. "Jedenfalls, wenn die Rechte der jungen und kommenden Generationen weiterhin ignoriert werden." Massive wirtschaftliche Kurzfristinteressen drohten jeden Fortschritt im Klimaschutz zu blockieren.

67 Prozent

der erwachsenen Deutschen sind nach dem jüngsten Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen auf Seiten der jugendlichen Klimaprotestierer, auch wenn die Demos während der Schulzeit stattfinden. Lediglich die Anhänger der AfD sind mehrheitlich gegen den Protest.

Dabei tut sich auch in der Wirtschaft einiges, jedenfalls unter den weitsichtigeren Unternehmen. "Zwanzig Jahre lang war das Thema in den Nachhaltigkeitsabteilungen versteckt", sagt Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2Grad, die sich für klimafreundliches Unternehmertum einsetzt. "Das ändert sich gerade massiv." Für viele Unternehmen werde Klimaschutz, würden klimafreundliche Produkte zum Überlebensthema. Wie zufällig hatte just am Donnerstag der Ölmulti Shell erstmals ganz konkrete Klimaziele benannt, samt einer Absenkung der Emissionen schon bis 2021. Und am Freitag verabschiedete sich der österreichische Versicherer Uniqa aus sämtlichen Geschäften rund um die klimaschädliche Kohle.

Denn auch an den Finanzmärkten wächst der Druck zu mehr Klimaschutz: Schon weil sich manches Investment gar nicht mehr so günstig darstellt, rechnet man die Risiken der Erderwärmung mit ein - oder schlicht die Möglichkeit, dass die Politik mit Klimagesetzen ins Geschäft eingreift. Immer häufiger achteten Geldgeber auf die Klimabilanz ihrer Engagements, sagt Kristina Jeromin, die sich bei der Deutschen Börse mit Fragen von Klimaschutz und Nachhaltigkeit beschäftigt. "Das ist kein Strohfeuer mehr. Der Wandel hat schon begonnen." Deutschland allerdings stehe da derzeit nicht gerade an der Spitze der Bewegung. "Was fehlt, wäre ein klassischer Anreiz aus der Politik", sagt Jeromin. "Es fehlt das Gefühl, dass die Politik wirklich handelt." Das geht den Schülern nicht anders.

© SZ vom 16.03.2019

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