Umstrittene Zeichnungen "Heute veröffentlicht niemand mehr Mohammed-Karikaturen"

Protest gegen Mohammed-Karikaturen: Anfang 2006 verbrennen Demonstranten in Istanbul eine dänische Flagge.

(Foto: AFP)

Ist eine Karikatur ein Menschenleben wert? Flemming Rose von der dänischen "Jyllands-Posten" spricht über Angst und Selbstzensur - zehn Jahre nach der folgenreichen Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Vor zehn Jahren veröffentlichte die dänische Zeitung Jyllands-Posten zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed. Sie lösten weltweit Proteste aus. Flemming Rose war damals der verantwortliche Redakteur. Wie sieht er seine Entscheidung heute?

Herr Rose, Sie beschreiben sich als Menschen, der Konflikte nicht sonderlich mag. Wie haben Sie die vergangenen zehn Jahre überstanden?

Mein Ansatz in der Debatte war immer, mich selbst zu fragen, ob mein Standpunkt, meine Argumentation Sinn ergeben und mit meinen eigenen Werten überstimmen, und dann zu versuchen, meinen Fall zu erklären und Attacken zu ignorieren. Die Argumente für die Veröffentlichung der Karikaturen, die Werte, die meiner Meinung nach auf dem Spiel standen, sind dieselben wie vor zehn Jahren. Lange Zeit habe ich versucht, mich selbst zu verteidigen. Doch letztlich habe ich verstanden, dass man in dieser Sache verschiedene Auffassungen haben kann, abhängig davon, wer man ist und welche Erfahrungen man gemacht hat. Ich bestehe nicht darauf, dass ich recht habe und andere falsch liegen. Doch von meinem Standpunkt aus war es richtig, es zu tun.

Flemming Rose, 57, verantwortete beim Jyllands-Posten die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im September 2005. In seinem Buch "The Tyranny of Silence", das 2014 in englischer Ausgabe erschien, erklärt Rose, warum er die umstrittenen Zeichnungen damals gedruckt hat und diese Entscheidung bis heute für richtig hält.

(Foto: dpa)

Kritiker sagen, Sie wollten mit den Karikaturen provozieren, die Muslime zu einer Reaktion reizen.

Das ist nicht der Fall. Es gab überhaupt keinen Anreiz zu provozieren. Ich bin von Natur aus kein Provokateur. Es wäre ziemlich seltsam, bewusst eine Situation zu provozieren, in der man den Rest seines Lebens ein Sicherheitsproblem hat. Also nein. Der Ausgang war eine intellektuelle Auseinandersetzung über Selbstzensur. Wir haben damals zwei Fragen diskutiert. Erstens: Existiert Selbstzensur, wenn es darum geht, mit dem Islam umzugehen? Manche sagten ja, andere nein. Die zweite Frage war: Wenn es Selbstzensur gibt, ist sie nur ein Produkt von Einbildung, kranker Phantasie, oder in irgendeiner Weise in der Realität begründet? Heute, zehn Jahre später, müssen wir erkennen, dass die Antwort auf beide Fragen "ja" ist: Es gibt Selbstzensur, wenn es um den Islam geht, und ja, die Angst dahinter basiert auf Realität, denn Menschen wurden getötet, in Paris, in Kopenhagen.

Was nützt diese Erkenntnis? Haben die Leute dadurch mehr Angst oder weniger?

Manche Menschen denken, dass die Veröffentlichung der Karikaturen eine Verteidigung der Meinungsfreiheit war. Aber das war nicht der Fall. Es war nur ein Weg herauszufinden: Gibt es ein Problem oder nicht. Wenn es ein Problem gibt, wie gehen die Karikaturisten damit um? Ich denke, die Karikaturen haben keine neue Realität geschaffen, sondern nur eine, die schon existiert hat und die an die Oberfläche kam, damit wir darüber reden konnten. Vor zehn Jahren wusste ich nicht, dass es diese weit verbreitete Angst gab. Sie hat Einfluss darauf, wie die Leute entscheiden, mit dem Islam umzugehen.

Mehr noch als vor zehn Jahren?

Nur Charlie Hebdo war tatsächlich bereit, weiterzumachen und zu tun, was sie immer gemacht haben, religiöse Symbole einschließlich denen des Islams ins Lächerliche zu ziehen. Heute veröffentlicht niemand mehr Karikaturen des Propheten Mohammed. Es ist wie ein unausgesprochenes, ungeschriebenes Blasphemie-Gesetz. Ich denke, Furcht ist ein sehr berechtigtes Gefühl in diesem Fall. Menschen wurden getötet, es ist also natürlich, wenn die Leute Angst haben. Ich habe nur ein Problem mit denen, die nicht anerkennen wollen, dass sie Angst haben. Die stattdessen sagen: Wir sollten niemanden beleidigen. Die Voraussetzung dafür, dieses Problem anzugehen, ist, dass die Leute ehrlich sind.

Würden Sie die Karikaturen noch einmal drucken?

Ich habe gesagt, ich bereue nicht, es getan zu haben. Aber ich denke nicht, dass eine Karikatur ein Menschenleben wert ist. Das Problem ist: Wenn andere Leute denken, sie sind es wert, dafür zu töten, was kann man machen? Wenn ich sage, ich würde es nicht wieder tun, dass ich es bereue, wäre das eine unselige Botschaft an jene, die Gewalt verübt haben. Ich würde ihnen signalisieren: Wenn ihr uns nur genug droht, tun wir genau, was ihr wollt. Aber wenn ich sagen, dass ich dasselbe gerne noch einmal täte, würden mich eine Menge Leute für verrückt halten.

Kann man das Problem lösen?

Es ist ein Dilemma, so oder so. Vor zehn Jahren dachte ich, dass Jyllands-Posten eine mächtige, einflussreiche Zeitung sei, dass wir die Karikaturen verteidigen und immer wieder abdrucken könnten. Heute muss ich einräumen, dass das nicht genug ist. Man braucht die Unterstützung eines sehr breiten Spektrums der Gesellschaft, um diesen Kampf zu gewinnen. Dänemark ist geteilt, Europa ist geteilt, manche sind dafür, manche dagegen. Wir brauchen viel größere Einigkeit, um es zu tun. Vielleicht in 30, 40, 50 Jahren, wir müssen abwarten.

Wie es zur Veröffentlichung der Karikaturen kam - und was sie veränderte. Die Seite 3 mit SZ plus lesen:

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