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Ukrainische Flüchtlinge in Russland:"Ich möchte Putin auf Knien danken"

Später stellte sich heraus, dass die Aufnahmen eine Warteschlange an einem polnischen Grenzübergang zeigten. Anfang März, lange bevor die Kämpfe begannen, sprach der Gouverneur schon einmal von "Tausenden", die über die Grenze flüchteten. Journalisten dort konnten aber niemanden finden. Nun ist die Not ausgebrochen, aber die Welt reagiert zögernd.

Auf einer vom russischen Außenministerium angestoßenen Pressereise führten Behördenvertreter daher am Mittwoch etwa 70 eigens eingeflogenen Journalisten internationaler Medien ein Durchgangslager am Grenzübergang Nowoschachtinsk vor, das perfekt organisiert war wie sonst wenig in Russland: Zufällig gab es gerade Mittagessen, zufällig zelebrierten danach drei Popen den Gottesdienst, Mitarbeiter des Katastrophenschutzes streichelten weinende Frauen, Helfer verteilten kostenlos Karten für Mobiltelefone, ein Hubschrauber flog eine Gruppe von Flüchtlingen ins nur 80 Kilometer entfernte Rostow, das mit dem Bus bequem zu erreichen wäre.

Beamte in Uniform hoben Bündel und Kinderwagen an Bord, eine ältere Frau rief laut: "Ich möchte Putin auf Knien danken!" Perfekte Bilder für die Kameras. Die nutzt auch das russische Staatsfernsehen, um zu berichten, dass die westlichen Medien, die "den Konflikt bisher nur aus der Entfernung kennen", endlich die Wahrheit erführen.

Auch innerhalb der Ukraine haben 80 000 Menschen ihr Zuhause verlassen

Allerdings ist Russland nicht das einzige Ziel der Flüchtlinge. Laut UNHCR haben auch innerhalb der Ukraine 80 000 Menschen ihr Zuhause verlassen, um bei Verwandten oder in Unterkünften der Kommunen in einem anderen Teil des Landes unterzukommen. Die meisten von ihnen kommen aus dem Konfliktgebiet im Osten.

Schon an zweiter Stelle in der Statistik steht die von Russland annektierte Krim. Obwohl die Operation "unblutig" abgelaufen sei, wie Moskau gerne betont, haben seitdem laut UNHCR mehr als 13 000 Menschen die Halbinsel Richtung ukrainisches Festland verlassen - aus Furcht vor Repressionen, weil sie sich gegen die Annexion gewehrt haben, oder schlicht weil sie keine Perspektive für sich sehen, wenn sie ihren ukrainischen Pass behalten wollen. Die Offiziere und Soldaten, die die Krim nach der Übernahme der Kasernen durch das russische Militär mitsamt ihren Familien verlassen mussten, sind dabei nicht eingerechnet.

Die Flucht nach Russland ist indes besonders gefährlich. Die Wege, auf denen die Flüchtlinge die Region in Richtung Russland verlassen, sind oft die gleichen, auf denen die ukrainische Armee in der Gegenrichtung die Versorgung mit Waffen und Munition aus Russland für die Separatisten vermutet. Drei Grenzübergänge sind derzeit geschlossen. Jüngst wurden mindestens vier Mal russische Grenzposten von ukrainischem Territorium aus beschossen. Wer die Schüsse abgegeben hat, ist unklar.

In einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte sich Poroschenko zu einer neuen Waffenruhe bereit. Kiew wolle Gespräche mit den Separatisten führen, teilte das Präsidialamt am Freitag mit. Es müsse aber sichergestellt werden, dass keine neuen Waffen für die Aufständischen aus Russland einsickern.

© SZ vom 12.07.2014
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