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Ukrainische Flüchtlinge in Russland:Schmutzige Zahlen

A boy plays with a ball at a temporary tent camp set up for Ukrainian refugees in the town of Novoshakhtinsk

Viele Ukrainer sind nach Russland geflohen. Der russische Außenminister findet, das Problem werde im Westen nicht genug wahrgenommen.

(Foto: Sergei Karpukhin / Reuters)

114 000 oder doch 1,8 Millionen? Wie viele Ukrainer seit Beginn des Konflikts nach Russland geflohen sind, ist umstritten. Die Not ist in jedem Fall groß, aber die Welt reagiert zögernd.

Von Julian Hans, Rostow am Don

Juri sagt, er erkenne die anderen Flüchtlinge sofort, wenn er durch die Straßen von Rostow am Don geht. Sie verrate ihr unruhiger Blick, der Fenster nach Scharfschützen absucht und Mauern und Hauseingänge nach der nächsten Deckung. Wenn irgendwo ein Hubschrauber knattert, heben sie die Augen zum Himmel, während die Einheimischen ungerührt weitergehen. Nach Wochen in der Kampfzone im Osten der Ukraine können sie das Überlebensprogramm nicht einfach abschalten, auch wenn sie hier in Sicherheit sind, in der russischen Gebietshauptstadt 60 Kilometer entfernt von der ukrainischen Grenze.

Vor zehn Tagen ist Juri hierhergekommen, als während der Waffenruhe die Übergänge offen und die Fluchtwege einigermaßen sicher waren. Ein drahtiger Mann um die 40 mit Pockennarben im Gesicht. Seinen Nachnamen will er nicht nennen; er will nicht, dass bekannt wird, dass sein Haus in Lugansk jetzt leer steht. Seine Frau und die sechs Kinder sind schon seit einem Monat hier. Zusammen bewohnen sie ein Zimmer im Wohnheim des pädagogischen Instituts, in dem die Stadt kurzfristig 150 Menschen untergebracht hat, die vor den Kämpfen geflohen sind - die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Der vierjährige Sascha spielt mit einem Paar Schlittschuhen im Sand. Nicht alles, was hilfsbereite Bürger spenden, ist zweckmäßig. Aber immerhin bekommen die Flüchtlinge drei Mahlzeiten am Tag und einen Platz zum Schlafen. "Wenigstens wird nicht geschossen", sagt Lena, Saschas Mutter und Juris Frau.

Sie ist wütend auf den Präsidenten Petro Poroschenko, weil sie kein Kindergeld mehr bekommen hat und Juri keinen Lohn. Unter dem früheren Präsidenten Viktor Juschtschenko seien wenigstens die Löhne gezahlt worden, sagt sie, "unter Janukowitsch gingen die Preise in die Höhe, und jetzt bekommen wir nicht einmal mehr unser Geld". Aber darauf, wer schuld ist am Krieg, will sie sich nicht festlegen: "Wer da warum gegen wen kämpft? Ich verstehe überhaupt nichts mehr."

Russland unterschlägt, dass auch in Friedenszeiten 1,5 Millionen Ukrainer in Russland arbeiten

Das Gebiet Rostow ist für die meisten Menschen, die aus der Ukraine nach Russland kommen, das erste Ziel. 13 000 suchten hier nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen Wochen Schutz. Dazu kommen noch einmal 6500 in der im Norden gelegenen Region Brjansk. Insgesamt sind der Rechnung des Flüchtlingshilfswerks UNHCR zufolge seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine 114 000 Menschen nach Russland geflohen.

Die russischen Angaben sind viel höher. 1,8 Millionen ukrainische Staatsbürger hielten sich gegenwärtig auf dem Gebiet der Russischen Föderation auf, meldete die Migrationsbehörde Anfang der Woche alarmierend und unterschlug dabei, dass auch in Friedenszeiten ständig etwa anderthalb Millionen Ukrainer in Russland arbeiten. Der Gouverneur von Rostow, Wassili Golubew, warnte, es drohe eine "humanitäre Katastrophe" und verhängte im ganzen Gebiet den Notstand.

Vor einer Woche hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow beklagt, das Flüchtlingsproblem werde im Westen nicht ernst genommen. Das aber ist auch ein Ergebnis der politischen Instrumentalisierung der Flüchtlinge. Schon Ende Februar hatte das russische Fernsehen von Flüchtlingsströmen an der ukrainisch-russischen Grenze berichtet.

"Ich möchte Putin auf Knien danken"

Später stellte sich heraus, dass die Aufnahmen eine Warteschlange an einem polnischen Grenzübergang zeigten. Anfang März, lange bevor die Kämpfe begannen, sprach der Gouverneur schon einmal von "Tausenden", die über die Grenze flüchteten. Journalisten dort konnten aber niemanden finden. Nun ist die Not ausgebrochen, aber die Welt reagiert zögernd.

Auf einer vom russischen Außenministerium angestoßenen Pressereise führten Behördenvertreter daher am Mittwoch etwa 70 eigens eingeflogenen Journalisten internationaler Medien ein Durchgangslager am Grenzübergang Nowoschachtinsk vor, das perfekt organisiert war wie sonst wenig in Russland: Zufällig gab es gerade Mittagessen, zufällig zelebrierten danach drei Popen den Gottesdienst, Mitarbeiter des Katastrophenschutzes streichelten weinende Frauen, Helfer verteilten kostenlos Karten für Mobiltelefone, ein Hubschrauber flog eine Gruppe von Flüchtlingen ins nur 80 Kilometer entfernte Rostow, das mit dem Bus bequem zu erreichen wäre.

Beamte in Uniform hoben Bündel und Kinderwagen an Bord, eine ältere Frau rief laut: "Ich möchte Putin auf Knien danken!" Perfekte Bilder für die Kameras. Die nutzt auch das russische Staatsfernsehen, um zu berichten, dass die westlichen Medien, die "den Konflikt bisher nur aus der Entfernung kennen", endlich die Wahrheit erführen.

Auch innerhalb der Ukraine haben 80 000 Menschen ihr Zuhause verlassen

Allerdings ist Russland nicht das einzige Ziel der Flüchtlinge. Laut UNHCR haben auch innerhalb der Ukraine 80 000 Menschen ihr Zuhause verlassen, um bei Verwandten oder in Unterkünften der Kommunen in einem anderen Teil des Landes unterzukommen. Die meisten von ihnen kommen aus dem Konfliktgebiet im Osten.

Schon an zweiter Stelle in der Statistik steht die von Russland annektierte Krim. Obwohl die Operation "unblutig" abgelaufen sei, wie Moskau gerne betont, haben seitdem laut UNHCR mehr als 13 000 Menschen die Halbinsel Richtung ukrainisches Festland verlassen - aus Furcht vor Repressionen, weil sie sich gegen die Annexion gewehrt haben, oder schlicht weil sie keine Perspektive für sich sehen, wenn sie ihren ukrainischen Pass behalten wollen. Die Offiziere und Soldaten, die die Krim nach der Übernahme der Kasernen durch das russische Militär mitsamt ihren Familien verlassen mussten, sind dabei nicht eingerechnet.

Die Flucht nach Russland ist indes besonders gefährlich. Die Wege, auf denen die Flüchtlinge die Region in Richtung Russland verlassen, sind oft die gleichen, auf denen die ukrainische Armee in der Gegenrichtung die Versorgung mit Waffen und Munition aus Russland für die Separatisten vermutet. Drei Grenzübergänge sind derzeit geschlossen. Jüngst wurden mindestens vier Mal russische Grenzposten von ukrainischem Territorium aus beschossen. Wer die Schüsse abgegeben hat, ist unklar.

In einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte sich Poroschenko zu einer neuen Waffenruhe bereit. Kiew wolle Gespräche mit den Separatisten führen, teilte das Präsidialamt am Freitag mit. Es müsse aber sichergestellt werden, dass keine neuen Waffen für die Aufständischen aus Russland einsickern.

© SZ vom 12.07.2014
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