Ukraine-Konflikt Schweigen über den Gräbern

Lange hat Russland Angaben über seine Toten in der Ostukraine verheimlicht. Nun gibt es neue Zahlen - die schon wieder vertuscht werden. Wer Informationen veröffentlicht, muss um sein Leben fürchten.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Die Liste der Indizien für eine Beteiligung russischer Soldaten am Krieg in der Ukraine ist lang, nun sind neue Hinweise hinzugekommen. Lange hatte die russische Regierung bestritten, dass Armeeangehörige überhaupt auf Seiten der Separatisten im Donbass kämpfen. Dann aber veröffentlichten ukrainische Journalisten Fotos von Särgen, die über die Grenze nach Russland transportiert wurden.

Etwa zur gleichen Zeit wurde der russische Abgeordnete im Gebietsparlament von Pskow, der Oppositionspolitiker Lew Schlossberg, von mehreren Männern überfallen und schwer verletzt. Er hatte öffentlich gemacht, dass russische Fallschirmjäger, die offensichtlich in der Ostukraine ums Leben gekommen waren, in ihren russischen Heimatgemeinden beerdigt wurden. Journalisten, welche die Bestattungen beobachtet hatten, wurden bedroht. Familien, die um ihre Angehörigen trauern wollten, wurden per Strafandrohung zu Geheimhaltung und Schweigen verdonnert. Wenig später verschwanden die Namenstafeln von den Gräbern der Gefallenen. Lew Schlossberg sagte damals dem unabhängigen Internetsender Doschd-TV: "Es gibt neue Gräber ohne Namen und Todesdaten, ohne militärische Abzeichen. Das erinnert an Afghanistan. Damals, in der Sowjetunion, wurden Verluste genauso verheimlicht."

Das Komitee der Soldatenmütter, bei dem sich zahlreiche Familien auf der Suche nach ihren verschwundenen Söhnen meldeten und das seinerseits Nachforschungen nach Armeeangehörigen und verheimlichten Einsatzorten anstellte, wurde vom Kreml als "ausländerischer Agent" gelistet. Das kommt einer Kriminalisierung gleich. Im Mai erließ Kremlchef Wladimir Putin ein Dekret, das Verluste in den Reihen der Streitkräfte zum Staatsgeheimnis erklärt. Verboten ist nun, über den Tod von Angehörigen des Verteidigungsministeriums bei "Spezialeinsätzen" in Friedenszeiten zu berichten. Was genau diese "Spezialeinsätze" sind, wird nicht definiert.

2000 Familien gefallener Soldaten wurde offenbar eine Kompensation gezahlt

Kurz darauf griff die ukrainische Armee russische Soldaten im Kampfgebiet auf und verhörte sie. Die jungen Männer gaben an, ohne ihr Wissen ins Kriegsgebiet gebracht und zum Kämpfen gezwungen worden zu sein. Nach Angaben ukrainischer Medien baten sie um Hilfe der russischen Botschaft, die aber mitteilen ließ, die Männer seien keine Armeeangehörigen und befänden sich aus freiem Willen in der Ukraine. In Moskau hieß es später erklärend, russische Soldaten, die sich im Donbass aufhielten, hätten sich entweder "verirrt" oder seien auf Urlaub dort.

Nun hat die russische Zeitung Djelowaja Schisn (Wirtschaftsleben) womöglich eher unfreiwillig eine Reihe von Informationen veröffentlicht, die darauf schließen lassen, wie hoch die Zahl der Toten tatsächlich ist, die für die russische Armee bei den Separatisten gekämpft haben und in Särgen aus der Ukraine zurück nach Russland transportiert worden sind. Das Blatt veröffentlichte, wie die Zeitung Forbes berichtet und auch dokumentiert, einen Artikel über "Gestiegene Militärausgaben im Jahr 2015". Demnach sind beträchtliche Beträge als Kompensation für militärisches Personal gezahlt worden, die in militärische Aktivitäten in der Ukraine involviert waren.

Außerdem sei Schadenersatz von drei Millionen Rubel (je etwa 40 000 Euro) für jene Familien bewilligt worden, deren Angehörige in Einsätzen in der Ukraine getötet worden seien. Invaliden hätten die Hälfte erhalten, berichtet der Forbes-Reporter. So genannte Kontraktniki, also Vertragssoldaten, die sich auf Zeit bei der Armee verpflichten, hätten 1800 Rubel (etwa 23 Euro) pro Tag und Einsatz erhalten. Insgesamt, so Djelowaja Schisn, seien Kompensationszahlungen für 2000 Familien gefallener Soldaten und für 3200 Verwundete ausgezahlt worden, was sich insgesamt auf 17 Millionen Euro summiert habe.

Forbes berichtet, die Meldung sei schon nach kurzer Zeit wieder von der Webseite des russischen Blattes verschwunden, offenbar habe die Zensur umgehend eingegriffen. Allerdings hätten ukrainische Journalisten vorher einen Screenshot gemacht. Es sei davon auszugehen, dass der Kreml Nachricht und Zahlen als Fälschung bezeichnen würde.

Der russische Abgeordnete Boris Nemzow, der im Februar in Moskau auf offener Straße ermordet worden ist, soll damals kurz davor gestanden haben, weitere Beweise für die aktive Einmischung Moskaus im Donbass vorzulegen. Er wolle, hatte er in Interviews angekündigt, Russland verändern und "Neues über den Krieg im Ostteil der Ukraine" enthüllen. Kurz danach war er tot.