Übergangsregierung für Griechenland Bankrott der politischen Klasse

Die Griechen sind faul, korrupt und gehen auf unsere Kosten mit 48 in die Rente - behauptet der deutsche Boulevard. Doch das Kasperletheater der vergangenen Tage hat die Hauptverantwortlichen ins Scheinwerferlicht gestellt: Dem Bankrott der griechischen Wirtschaft liegt der Bankrott seiner politischen Klasse zugrunde. Die Griechen wünschen sich eine große Koalition, weil sie einzelnen Parteien misstrauen.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter

Abstimmung gewonnen, Vertrauen verloren - und das Amt dazu. Der griechische Premier Giorgos Papandreou hatte sich mit seinem Abstimmungssieg am Samstag lediglich das Recht auf einen ehrenhaften Abgang erkämpft. Jetzt hat Griechenland eine Übergangsregierung, aber die Griechen wagen es noch kaum, aufzuatmen. Die Führer der beiden großen Parteien Pasok und Nea Dimokratia haben sich vor der Einigung am Sonntag erneut gestritten - wie zwei kleine Jungs um ihr Spielzeug, so als drohe ihrem Land nicht in wenigen Tagen der Bankrott, so als hätten sie noch einen Rest von Glaubwürdigkeit übrig, den sie verspielen könnten. Sie haben ihn nicht.

Ein Mann betrachtet die Schlagzeilen vor einem Zeitungskiosk in Athen: Die Griechen wünschen sich eine große Koalition, weil sie einzelnen  Parteien misstrauen.

(Foto: dpa)

Aus der Ferne des deutschen Boulevards wird die Diagnose zur griechischen Misere gerne so gestellt: Die Griechen sind faul, korrupt und gehen auf Kosten der Deutschen mit 48 in die Rente. Wenn das Kasperletheater der vergangenen Tage ein Gutes hatte, dann die Tatsache, dass es einmal ganz nackt die Hauptverantwortlichen ins Scheinwerferlicht gestellt hat: Dem Bankrott der griechischen Wirtschaft liegt vor allem der schon lange vollzogene Bankrott seiner politischen Klasse zugrunde.

Viele Hoffnungen verbanden sich mit Papandreou, er hat sie enttäuscht. Der Mann hat Qualitäten und wie gerne hätte man ihm und seinem Versprechen eines grünen, liberalen, weltoffenen Griechenlands Erfolg gewünscht. Er und seine Partei haben im Angesicht der Herausforderung versagt: Papandreou hat Zaudern an die Stelle überlebensnotwendigen Handelns gesetzt, mit Unberechenbarkeit das Chaos noch vergrößert. Nicht weniger versagt hat sein Rivale, Oppositionschef Antonis Samaras, der sich jedem gemeinsamen Handeln verweigerte.

Papandreou wird nun abtreten. Aber garantiert das einen Neuanfang? Im griechischen Fernsehen war ein Bürger zu sehen, der Gott um "Erleuchtung" für die Politiker bat, und man versteht seine Verzweiflung. Dasselbe alte Personal soll nun die Wiedergeburt des Landes anpacken - dazu aber müssen Griechenlands Parteien und Politiker nicht weniger als ihre eigene Natur umkrempeln. Sieben von zehn Bürgern trauen weder der einen noch der anderen Partei zu, das Land aus der Krise zu führen. Was Wunder - politische Parteien waren in Griechenland nichts anderes als Instrumente zur Verteilung von Jobs und Staatsaufträgen sowie Vehikel für persönliche Karrieren. Es gibt aber noch keine anderen.

Die große Hoffnung der Griechen ist, dass die Parteien zusammen das schaffen können, wozu sie allein nicht in der Lage sind. Dass die Summe dieser Teile in einer gemeinsamen Regierung mehr ergibt als das traurige Bild, das sie einzeln abgeben. Die Griechen wünschen sich nicht nur eine kurzlebige Übergangsregierung, die Neuwahlen organisiert, sie wünschen sich auch als Ergebnis dieser Wahlen dann eine Koalition der großen Parteien, die gemeinsam an die Rettung des Landes gehen. Dazu müssten diese aber erst über sich hinauswachsen.