Tusk-Nachfolgerin in Polen Sie hat das "Zeug zu einem Alpha-Männchen"

Ewa Kopacz spricht im polnischen Parlament in der Hauptstadt Warschau mit der Presse.

(Foto: REUTERS)

Bisher war sie hinter Donald Tusk die Nummer zwei der polnischen Regierungspartei PO. Jetzt könnte Ewa Kopacz seine Nachfolgerin als Ministerpräsidentin werden. Die Politikerin genießt Respekt, doch ihre Partei verliert in Umfragen stetig.

Von Klaus Brill, Warschau

Politsprech gibt es auch im Polnischen, und Ewa Kopacz beherrscht ihn. Als sie am vorigen Freitag von Journalisten gefragt wurde, ob sie bereit sei, die Nachfolge von Donald Tusk anzutreten, falls dieser Präsident des Europäischen Rats werde, da suchte sie ihr Heil zunächst in einem Scherz. "Wieso, habe ich euch als Sejm-Marschall schon so sehr gelangweilt?" Der Sejm-Marschall ist in Polen der Parlamentspräsident, und dieses Amt hat Ewa Kopacz als erste Frau in der Geschichte ihres Landes seit November 2011 inne. "War es denn so schlecht mit mir?"

Dann aber kam sie zur Sache, wenn auch sehr gewunden. "Wenn man in die Politik geht, dann zieht der Mensch jede Tätigkeit in Betracht, die Polen dienen soll. Wenn dies die Situation erfordert, dann sicher ja." Sicher ja - damit war das Signal gesetzt. Kein anderer Politiker der regierenden Bürgerplattform (PO) hat bis Montag dergleichen Ambitionen geäußert, wenngleich in der Presse auch Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak als Kandidat genannt wurde. Und so gilt zunächst Ewa Kopacz als Favoritin für die Nachfolge des langjährigen Ministerpräsidenten, der am Samstag ja tatsächlich in die Spitze des Europäischen Rats berufen wurde.

Eine Entscheidung wird zwar erst in den nächsten Tagen erwartet, indes erfuhr die Nachrichtenagentur PAP bereits aus Kreisen der konservativ-liberalen Regierungspartei, die resolute Dame solle nicht nur Regierungschefin werden, sondern von Tusk auch die Führung der PO übernehmen. Dort war sie bisher schon die erste Stellvertreterin des Vorsitzenden, also faktisch die Nummer zwei.

Kinderärztin war vier Jahre Gesundheitsministerin

Kopacz stünde vor keiner leichten Aufgabe. Seit Langem steht die PO, die seit 2007 mit der kleinen Bauernpartei die Regierung stellt, unter Druck. Eine Rentenreform kostete sie Sympathien, zudem setzt ihr die nationalkatholische Opposition heftig zu und holt in Meinungsumfragen ständig auf. Bei der Europawahl lagen beide Gruppierungen gleichauf, für die Kommunalwahl im November aber und für die nationale Parlamentswahl in einem Jahr hat die Bürgerplattform eine Niederlage zu befürchten. Das war der Grund, warum Tusk bisher einem Wechsel nach Brüssel eher ablehnend gegenüberstand - so hat er es jedenfalls öffentlich erklärt.

Jetzt aber werden die Chancen neu verteilt, alle Augen ruhen auf Ewa Kopacz. Die 57-jährige Kinderärztin war vier Jahre lang Gesundheitsministerin und hat da bereits manchen Strauß ausgefochten. Auch vor der Rechtsopposition schreckt sie nicht zurück und wirft ihr Hasskampagnen vor. Sollte sich innerhalb der keineswegs geeinten Bürgerplattform ein Gegenkandidat melden, so hat er keine leichte Gegnerin. Kopacz macht stets den Eindruck einer Person, die sehr genau weiß, was sie will. Tomasz Nałęcz, ein einflussreicher Berater des Staatspräsidenten Bronisław Komorowski, bescheinigte ihr jetzt: "Die Frau hat das Zeug zu einem Alpha-Männchen."