Türkei und Armenier Versöhnliches Signal

Die Regierung in Ankara äußert Mitgefühl für die armenischen Opfer der "Deportationen" vor 100 Jahren. Einen Völkermord will sie aber nicht begangen haben.

Von Luisa Seeling

Im Streit um die Verbrechen an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs ist die türkische Regierung einen Schritt auf die Nachfahren der Opfer zugegangen. Vize-Regierungschef Bülent Arınç sagte am Dienstag, die Türkei wisse, dass es im Osmanischen Reich bei "Maßnahmen" gegen armenische Aufständische eine "Tragödie" gegeben habe. "Aber wir haben nicht wissentlich, vorsätzlich und absichtlich einen Völkermord begangen." Die Ereignisse von 1915 fielen nicht unter die Genozid-Definition der Vereinten Nationen.

Tags zuvor schon war das Bemühen Ankaras spürbar, ein versöhnliches Signal an die Armenier auszusenden, ohne von Völkermord sprechen zu müssen. Am Montag veröffentlichte Premierminister Ahmet Davutoğlu eine Erklärung, in der es anlässlich des von den Armeniern begangenen Gedenktags am 24. April heißt: "Wir teilen den Schmerz der Kinder und Enkelkinder der Armenier, die ihr Leben bei Deportationen 1915 verloren." Von dem Begriff Völkermord nahm Davutoğlu Abstand. "Alles auf ein einziges Wort zu reduzieren" und die Verantwortung pauschal "nur auf die türkische Nation" abzuwälzen, sei "rechtlich und moralisch problematisch". Davutoğlu kündigte an, dass es am kommenden Freitag eine religiöse Zeremonie im armenischen Patriarchat in Istanbul geben werde.

Ahmet Davutoğlu, der Premier der Türkei, sprach den Armeniern für das durch die "Deportationen" erlittene Leid seine Anteilnahme aus.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Das sind vergleichsweise versöhnliche Töne gemessen an den Reaktionen, die vergangene Woche aus Ankara gekommen waren, als Papst Franziskus in einer Messe im Petersdom die Armenier als Opfer des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts bezeichnet hatte. Damals hatte das türkische Außenministerium den Botschafter des Vatikans einbestellt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte die Äußerungen "Unsinn" genannt und den Papst davor gewarnt, sie zu wiederholen.

Im vergangenen Jahr hatte Erdoğan den Nachfahren der getöteten Armenier sein Beileid ausgesprochen. Er hatte das "gemeinsame Leid" betont und von den letzten Jahren des Osmanischen Reichs als einer schmerzhaften Zeit für Armenier gesprochen - aber auch für Türken, Kurden und Araber.

Während die Armenier von bis zu 1,5 Millionen Getöteten im Zuge einer gezielten Vernichtungskampagne ausgehen, spricht die Türkei offiziell von einigen Hunderttausend Toten infolge von Kämpfen und Hungersnöten. Die armenische Regierung in Eriwan gibt sich damit nicht zufrieden. "Die Politik der Leugnung ist perspektivlos", sagte Armeniens Außenminister Edward Nalbandjan kürzlich.

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Das EU-Parlament spricht seit 1987 von einem Völkermord. Die EU-Kommission vermeidet den Begriff, so wie bisher auch die deutsche Bundesregierung. Die Fraktionen von Union und SPD haben sich am Montag auf einen Antrag geeinigt, in dem es heißt, das Schicksal der Armenier stehe "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist". Dem vorangegangen war die Ankündigung von Bundespräsident Joachim Gauck, bei einer Gedenkveranstaltung am Donnerstag in Berlin zu diesem Thema sprechen zu wollen. Der Bundestag will den Antrag am Freitag beraten.