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Türkei:Show der schönen Worte

Die Versöhnungs-Säuseleien zwischen dem deutschen und dem türkischen Außenminister sind deplatziert. Das Verhältnis ist tiefgreifend gestört. Nun treibt Ankara auch die innere Not. Aber es braucht mehr als warme Worte, um das Vertrauen wiederherzustellen.

Von Stefan Kornelius

Auch wer der schrillen, moralinsauren Belehrungen aus Ankara überdrüssig ist, sollte sich in seinem Realismus nicht beirren lassen: Ja, die Türkei des Recep Tayyip Erdoğan ist ein autoritäres und semi-demokratisches Gebilde. Sie hat Opposition und freie Presse weitgehend abgeschafft, steckt Zehntausende ohne nachprüfbare Belege ins Gefängnis oder schickt sie zumindest in die innere Verbannung - Lehrer, Richter, politisch denkende Menschen. Sie bedient sich zur Durchsetzung ihres Machtanspruches unlauterer Methoden. So steht die Reaktion auf den Putschversuch vom Juli 2016 in keinem Verhältnis zu den Ereignissen. Und genauso dient das äußere Feindbild (wozu insbesondere Deutschland gehört) dem inneren Zusammenhalt. So kriegt die Volkswut Futter.

Aber auch dies ist richtig: Die Türkei ist und bleibt ein sogenannter strategischer Verbündeter, weil sie dort liegt, wo die Geografie sie platziert hat. Sie bestimmt durch ihr Verhalten Wohl und Wehe in Europa, sie ist sogar ein bisschen europäisch. Und sie ist natürlich islamisch, was ihrer Rolle als Vorbild und Taktgeber in einer zerfallenden Region immer mehr Bedeutung gibt. Ihr Einfluss auf Iran ist immens, das Schicksal der Kurden wird auch immer ein türkisches sein, und eine prosperierende Türkei strahlt Stabilität aus bis weit in den Orient hinein. So ist es seit 700 Jahren. Ob die Türkei ihr Gewicht nach Russland wirft oder in den so genannten Westen, hin zum Bündnispartner Nato, ist alles andere als nur eine Frage von Rüstungsgeschäften.

Betreibt Sigmar Gabriel also kluge Staatskunst, wenn er dem Versöhnungseifer der türkischen Regierung quasi im ersten Ansturm nachgibt und den Außenminister-Kollegen in Goslar empfängt - wenn auch nicht im Huldigungssaal des Rathauses? Oder wird dieser Akt der Aussöhnungs in der Türkei wieder einmal falsch verstanden und als Freibrief für neue Frivolitäten genommen?

Nicht an den Worten, sondern an den Taten soll man sie messen. Nur: Da gibt es nicht viel zu messen. Gabriel und Mevlüt Çavuşoğlu sprechen über "Spannungen" und "Probleme" und "Eskalationen". Aber hier geht es nicht um eine Gesprächstherapie, bei der man sich im Dialog annähert. Hier geht es um harte Interessen, die sich nicht allein am Schicksal von Deniz Yücel bemessen lassen. Das türkische Verhältnis zu Deutschland und zum Westen insgesamt ist so tief greifend gestört, dass von der Türkei mehr verlangt werden muss als eine Veränderung der Tonlage.

Wie umgehen mit der Türkei? Gabriels Versöhnungstreffen müssen Taten folgen

Gute Beziehungen zu Deutschland liegen nicht primär im türkischen Sinn, sie werden aber gebraucht für die höheren Interessen Ankaras: Das Leistungsbilanzdefizit wächst, die Preise sind um 13 Prozent in die Höhe geschnellt. Der Inflations-Albtraum kehrt zurück, die Lira hat in knapp drei Jahren 40 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren, die Auslandsschulden sind exorbitant hoch, Kredite unbezahlbar. Noch wächst die Wirtschaft robust, aber all das wirkt hohl. Der wachstumsbesessene Präsident bezahlt den Preis für seine politische Abkoppelung.

Wenn Deutschland nun den Rangiermeister spielen soll, dann kann der Preis dafür nicht allein in der Verbesserung der türkischen Rhetorik liegen. Beim Freundes-Besuch in Goslar hätte man gerne gesehen, dass es für die Aufräumarbeiten am Gleis noch ein bisschen mehr braucht als einen Händedruck im größten Profanbau seiner Zeit.

© SZ vom 08.01.2018
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