Türkei Istanbul heißt Istanbul

Wieso Präsident Erdoğan einen Namensstreit auslöst.

Von Christiane Schlötzer

Die Schönheit dieser Stadt, schwärmte der Dichter, "ist universal und absolut". Bei "Konstantinopel" gebe es da keinen Zweifel, fand Edmondo De Amicis, Romancier und Reisender aus Passion. Der Schriftsteller war Italiener, sein Buch "Constantinopoli" erschien 1878. Auf amtlichen Schriftstücken hieß die Stadt am Bosporus damals Dersa'âdet, Pforte der Glückseligkeit, aber den Namen benützte kein Europäer. Istanbul hatte schon viele Namen - Byzanz, Ostrom, Stambul - so viele, dass sich daraus 566 Jahre nach der Eroberung der einst christlichen Metropole durch Fatih Sultan Mehmed II. ein Wahlkampfthema machen lässt.

"Das hier ist Istanbul oder Islâmbol (wörtlich: Vom Islam erfüllt, ein Kunstwort aus dem 18. Jahrhundert)", sagt Recep Tayyip Erdoğan, und: "Das ist nicht Konstantinopel." Andere sähen das anders, die müssten gestoppt werden. Viel Zeit dafür bleibe nicht, warnte der Präsident - und zählte die Tage bis zur Bürgermeisterwahl am 23. Juni. Der Präsident sagte nicht, wo die Feinde steckten, nannte keine Namen - auch nicht auf Nachfrage der Opposition. Doch das Ziel des Angriffs war klar: Es heißt Ekrem Imamoğlu. Der hat die Wahl in Istanbul am 31. März schon einmal gewonnen, musste aber auf Druck von Erdoğans AKP wegen angeblicher "Unregelmäßigkeiten" das Amt wieder abgeben. Dass er Bürgermeister von "Konstantinopel", wie viele Griechen bis heute die "Stadt der Städte" nennen, werden wolle, hat der Politiker der säkularen CHP aber nie gesagt. Wieso also die Aufregung?

Imamoğlu stammt aus Trabzon am Schwarzen Meer. Da lebten auch viele Griechen, bevor sie vor 100 Jahren vertrieben, ermordet, umgesiedelt wurden. Was sich Griechen und Türken im zwanzigsten Jahrhundert gegenseitig angetan haben, ist härtester Tragödienstoff, nichts für Dichter wie De Amicis. Vor ein paar Jahren hat Imamoğlu Nachfahren jener Schwarzmeergriechen getroffen - in Griechenland. Man hat sich gut verstanden, gemeinsam getanzt. Imamoğlu stellte das auf Facebook, hat kaum jemand interessiert. Bis sich ein griechischer Lokalpolitiker im Fernsehen nach der Istanbuler Kommunalwahl an den Tänzer erinnerte und sagte: "So furchtlos" wie Imamoğlu sei, könne der nur "Grieche" sein.

Der neue Gegner Erdoğans ein Grieche? Türkische Heißsporne verbreiteten die angebliche Sensation sofort. Auf CNN Türk wollte ein bekannter Moderator von Imamoğlu wissen, wieso der dazu denn gar nichts sage? Der war baff.

Dass Erdoğan nun selbst über die Herkunft des Istanbuler Herausforderers spekuliert, dürfte den Nationalisten gefallen. Schon vor der Wahl am 31. März kämpfte der Präsident um deren Stimmen, als er drohte, er könne die Hagia Sophia - einst Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, dann Moschee und von Republikgründer Atatürk zum Museum erklärt - wieder zur Moschee machen.

Imamoğlu feierte das Ende des Ramadan jetzt in seiner Schwarzmeerheimat. "Alles, was zählt, ist ein guter Mensch zu sein", sagte er dort und besuchte das Grab seines Großvaters. Der kämpfte, verbreiteten Wahlkampfhelfer des 49-Jährigen über Whatsapp, im türkischen Unabhängigkeitskrieg, 1919 bis 1923. Gegen die Griechen.