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Tschechien:Armen-Speisung

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In Tschechien - hier eine Aufnahme aus Prag - müssen Supermärkte überschüssige Lebensmittel an Bedürftige abgeben.

(Foto: Drahoslav Ramik/AP)

Supermärkte sind per Gesetz verpflichtet, Lebensmittel abzugeben, deren Haltbarkeit abläuft.

Von Florian Hassel

Der Unternehmer Ivo Valenta, unterstützt von 24 weiteren Senatoren, fuhr schweres Geschütze auf, rhetorisch zumindest. Anlass war ein neues Gesetz, das tschechische Supermärkte mit einer Mindestfläche von 400 Quadratmetern Anfang 2018 dazu verpflichtete, Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen oder deren Verpackung beschädigt ist, Lebensmittelbanken zu überlassen zur Weitergabe an Bedürftige. Die Mitglieder der oberen Kammer des tschechischen Parlamentes sprachen von Zuständen wie zu Zeiten des Kommunismus und verglichen die Abgabepflicht mit der Enteignung von Juden durch das NS-Regime. Die Senatoren klagten vor dem Verfassungsgericht und unterlagen.

Die Richter lehnten die Beschwerde als unbegründet ab: Und so können tschechische Lebensmittelbanken über die Caritas und kleinere Hilfsorganisationen auch weiter schätzungsweise 100 000 arme Tschechen mit Lebensmitteln versorgen, die ansonsten im Müll landen würden.

Polen hat ebenfalls ein Armutsproblem. Die Zahl der Menschen unterhalb der Armutsschwelle wird auf mehr als 1,6 Millionen geschätzt. 31 Lebensmittelbanken, unterstützt von Tausenden Hilfsorganisationen, teilen Lebensmittel an rund 625 000 Polen aus, so der Verband der Lebensmittelbanken. Vieles überlassen ihnen große Supermarktketten, aber sie kaufen auch mit Spendengeldern zusätzlich Nudeln, Speiseöl oder haltbare Bohnen. Dem Parlament liegt ein Gesetz vor, das Supermärkte von mindestens 250 Quadratmeter Größe verpflichten würde, Lebensmittel mit ablaufendem Haltbarkeitsdatum an wohltätige Organisationen abzugeben. Statt 40 000 Tonnen kämen dann allein aus den Supermärkten 100 000 Tonnen Lebensmittel zur Verteilung zusammen.

Auch in den armen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien gibt es Lebensmittelbanken - bisher aber nur auf lokaler Ebene. Ein 2009 gestarteter Versuch des rumänischen Roten Kreuzes, ein landesweites Lebensmittelbanksystem aufzubauen, kam nicht recht vom Fleck. Der Bukarester Stadtteil Sector 6 feierte im Dezember 2016 den Start der angeblich ersten von einer lokalen Behörde gegründeten Lebensmittelbank. Bis zu 35 000 arme Rentner, Behinderte, Arbeitslose oder alleinstehende Mütter sollen davon profitieren. Anfang November 2018 folgten Aktivisten in der Stadt Cluj dem Bukarester Beispiel. Sie hoffen, nun auch in anderen rumänischen Städten Lebensmittelbanken zu eröffnen. Ein Ende April 2017 in Kraft getretenes Gesetz soll die Weitergabe ablaufender Lebensmittel begünstigen, ist aber so vage gehalten, dass es bisher offenbar kaum umgesetzt wird.

© SZ vom 21.02.2019

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