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Thilo Sarrazin:Weiter, weiter

Sarrazin wird sich gegen den Rauswurf aus der SPD wehren, denn Streit nutzt ihm. Die Partei sollte ihn ignorieren.

Von Detlef Esslinger

Wer in einem Verein von keinem mehr gemocht wird, der tut sich irgendwann die Mitgliedschaft nicht mehr an und geht von selbst. Auch für den Fall einer Überwindung der Pandemie hätte Thilo Sarrazin gewiss nicht vorgehabt, zum Beispiel ein Sommerfest der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf zu besuchen. Die Partei war ihm eh nie eine emotionale Heimat, hat er selbst gesagt. Warum also kämpft er so verbissen darum, bleiben zu dürfen? Warum wird er nun auch vors Zivilgericht ziehen, nachdem das oberste Parteigericht am Freitag seinen Rauswurf bestätigt hat?

Weil dieser ihm die Relevanz zu nehmen droht. Als Wertegemeinschaft war ihm die SPD seit Langem egal, auf das Label aber ist er angewiesen. Als "Thilo Sarrazin" findet man längst nicht jene Prominenz, die man als "Thilo Sarrazin (SPD)" erlangen kann. Die Auseinandersetzungen mit der Partei waren ihm dienlich: Sie hielten ihn auf längere Zeit in einem irgendwie spannenden Plot, also im Gespräch; der einsame Kämpfer für Gerechtigkeit (oder so) findet immer sein Publikum. Demnächst wird Sarrazin sein neues Buch veröffentlichen, und vielleicht will er auch nochmals im FPÖ- und AfD-Milieu eingeladen werden. Dazu hilft es, das Gefecht mit der SPD zu strecken, solange es geht.

Wenn die Genossen sich etwas Gutes tun wollen, dann überlassen sie die Sache den Anwälten und reißen sich ansonsten zusammen. Nur Thilo Sarrazin wird die Tweets über ihn mit Begeisterung zählen.

© SZ vom 01.08.2020

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