Terrorismus:Wenn der Bombenbausatz von Amazon kommt

Policemen walk in front of a residential building in Schwerin

In diesem Plattenbau in Schwerin nahm die Polizei Ende Oktober Yamen A. fest. Der damals 19-jährige Syrer soll einen besonders verheerenden Anschlag geplant haben, in Hamburg beginnt bald der Prozess.

(Foto: Fabian Bimmer/Reuters)
  • Deutsche Ermittler haben erstmals nachgezeichnet, wie einfach es für Terroristen ist, sich übers Netz alles Nötige für einen Sprengsatz zu besorgen.
  • Viele Terroristen bestellten die für Bomben notwendigen Chemikalien bislang einfach über Amazon - teils sogar unter ihren Klarnamen.
  • Besonders brisant ist die Vorschlagsfunktion von Amazon, die weitere für den Bau von Sprengsätzen geeignete Produkte empfiehlt, sobald ein Käufer entsprechende Chemikalien oder Utensilien in den Warenkorb legt.

Von Lena Kampf und Georg Mascolo, Berlin

Der tödliche Ehrgeiz von Yamen A., davon ist der Generalbundesanwalt überzeugt, war ungewöhnlich groß. Nicht einfach nur ein Anschlag, ein Massaker sollte es sein. Dazu wollte er einen Sprengsatz herstellen, der geeignet war, um 200 Menschen in den Tod zu reißen.

Gegen den 20-jährigen angehenden Bauingenieur aus Syrien ist in der vergangenen Woche Anklage erhoben worden. Im kommenden Prozess vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wird es aber nicht nur darum gehen, was A., der nach eigenen Angaben nach Deutschland floh, um nicht in der syrischen Armee kämpfen zu müssen, zu solchem Hass auf sein Gastland bewog. Sondern auch darum, wie bequem man eine Bombe mit tödlicher Wirkkraft bauen oder dem zumindest nahe kommen kann, ohne überhaupt das Haus verlassen zu müssen.

Erstmals hat die Bundesanwaltschaft in der Anklage gegen Yamen A. einen solchen Fall im Detail nachgezeichnet: Wie ein potenzieller Attentäter an Baupläne kommt, vor allem aber auch an die dafür benötigten, handelsüblichen Chemikalien. Ziemlich vorwurfsvoll klingt es, wenn die Ermittler schreiben, dass technisch unerfahrene Personen "unter Nutzung des anonymen Internetversands als Beschaffungsweg ohne großen Aufwand einen Sprengsatz mit erheblicher Wirkung zu konstruieren in der Lage sind".

Auch wenn der Name fehlt: Gemeint ist Amazon.

Der weltgrößte Versandhändler, der seinen Gründer Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt machte, tauchte schon in zahlreichen Ermittlungen auf. Die jugendlichen Islamisten aus Essen, die einen Sprengsatz vor dem Sikh-Tempel der Stadt zündeten und einen Priester schwer verletzten, und nicht zuletzt Dschaber al-Bakr, der mutmaßlich einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen geplant hatte: Sie alle bestellten Explosivstoffe über Amazon, teilweise sogar unter eigenem Klarnamen.

Am weitesten kam al-Bakr, der vom sogenannten Islamischen Staat offenbar im Bau von Bomben geschult wurde, die man mit handelsüblichen Chemikalien herstellen kann. Ein Observationskommando beobachtete die Anlieferung durch den Paketboten. Als die Polizei im Oktober 2016 seine Wohnung durchsuchte, fand sie 1,5 Kilogramm sogenanntes TATP, ein hochentzündliches Sprengstoffgemisch. Fahnder nennen es "Mutter des Satans". Zudem wurden Reste an Schwefelsäure und Aceton sichergestellt. So brisant war der Fund, dass die Polizei nahe dem Wohnort von al-Bakr eine Grube aushob und die Bombe Marke Eigenbau sprengte.

Besondere Sorge bereitet den Behörden die Vorschlagsfunktion von Amazon

Für ziemliche Empörung sorgte in Großbritannien die Recherche einer Boulevard-Zeitung. Nach dem Anschlag in Manchester im Mai 2017, bei dem nach einem Konzert der Popsängerin Ariana Grande 22 Menschen umkamen, zumeist Jugendliche, bestellten Reporter alle Bauteile und Chemikalien problemlos bei Amazon - für 95 Pfund. Reporter ließen sich dabei fotografieren, wie sie fünf Pakete in einer Versandstation abholten. Wenig später, im September 2017, verletzte ein Attentäter Dutzende Menschen in der Londoner U-Bahn schwer - mit einer Bombe, dessen Bauteile er sich von Amazon hatte liefern lassen. "Ich würde so weit gehen zu sagen, dass Amazon Terroristen unterstützt," sagte der Abgeordnete Alec Shelbrooke.

So weit würde in Deutschland wohl niemand gehen, doch seit der Festnahme von Yamen A. haben die Sicherheitsbehörden ihre Gespräche mit Online-Anbietern intensiviert. Besondere Sorge bereitet dabei die Vorschlagsfunktion von Amazon, die weitere für den Bau von Sprengsätzen geeignete Produkte empfiehlt, sobald ein Käufer entsprechende Chemikalien oder Utensilien in den Warenkorb legt. Unter "Andere Kunden kauften auch..:" schlägt Amazon notwendige Ergänzungen vor. Dies könnte somit zu einer Anleitung zum Bombenbau werden, fürchten Ermittler. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR war dieser Modus zwar nach der Festnahme von Yamen A. für die Grundstoffe von Sprengstoff zwischenzeitlich abgeschaltet, dies wurde aber seitens Amazon offenbar nicht konsequent durchgehalten.

Zuletzt fand das Bundeskriminalamt erneut eine aktive Hinweisfunktion auf weitere Chemikalien. Die Empfehlungen speisen sich automatisiert aus dem Kaufverhalten anderer Kunden. Nutzer werden bei Amazon mit Rabatten zum Bezug von Vorteilspaketen angeregt, ohne Kontrolle darüber, wer bestellt und für welchen Zweck. Mengenbegrenzungen gibt es offenbar keine.

Während Baumärkte und Drogerien verdächtige Transaktionen bereits seit 2014 unter einem sogenannten Monitoring-System freiwillig an die Landeskriminalämter melden, hat Amazon dieses erst 2017 etabliert. Darüber, wie viele Verdachtsfälle bisher von Amazon gemeldet wurden, könne jedoch keine Auskunft erteilt werden, sagte ein Sprecher des BMI.

Detaillierte Anweisungen für den Bau von Fernzündern

Bei Yamen A. war es nun gerade nicht Amazon, das die Sicherheitsbehörden auf seine Radikalisierung hinwies. Der Syrer geriet laut Ermittlerkreisen im Juli 2017 mit Glaubensbrüdern in Kontakt, die ihm bei einem Anschlag helfen wollten. Detaillierte Anweisungen für den Bau von Fernzündern und die Herstellung von sogenanntem TATP wurden ihm aus Syrien übersandt. Yamen A. erhielt sogar eine Anleitung per Video. Im August begann die Bestellphase, der Syrer wurde nun ein treuer Amazon-Kunde.

Um die Gefahr einer Nachahmung zu verhindern, beschreiben Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR die Bestellvorgänge nicht in allen Einzelheiten. Vom Versandhändler kamen nun Pakete mit Chemikalien, Messbecher und Einzelspritzen für den Mischvorgang. Auch ein Teethermometer lieferte Amazon, bei der Mischung der Chemikalien müssen diese gekühlt werden. Funkgeräte sollten für eine Zündung aus der Ferne dienen - die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass zumindest zeitweise die Idee einer Autobombe im Raum stand.

Yamen A. dachte am Ende wohl, er sei an der Herstellung gescheitert. Nach den Feststellungen des Generalbundesanwalts war aber einer seiner fünf Mischversuche erfolgreich. Die Zutaten dazu hatte er jeweils wenige Tage nach der Bestellung an seiner Haustür in Empfang genommen.

Ein Sprecher sagte, dass Amazon "wie bisher mit den Behörden und der Polizei zusammenarbeitet, um sie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen".

© SZ vom 27.03.2018/jael
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