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SZ-Serie: Der Weg nach Berlin:Episch durchhalten

Bruno Kramm will für die Piraten in den Bundestag einziehen. Sein Problem: Die Umfragewerte seiner Partei geben derzeit wenig Anlass für Hoffnung. Deshalb will er jetzt einen "Hammer-Wahlkampf" machen.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl 2013 sieben Menschen aus sieben Parteien auf ihrem Weg in die Politik - Fehler, Rückschläge und Niederlagen inklusive.

Politiker nehmen nicht alles zur Kenntnis, schon gar nicht Meinungsumfragen. Das behaupten sie jedenfalls gerne - zumal dann, wenn die Daten wenig Gutes verheißen. Bruno Kramm ist noch nicht lange in der Politik, aber so viel von Wahlkampftaktik versteht der Spitzenkandidat der bayerischen Piraten für die Bundestagswahl bereits: "Ich schau' eh nicht auf die Umfragen", sagt er. Na gut, bemerkt hat er schon, dass "wir" beim Institut Emnid "wieder gleichauf mit der FDP liegen", zwar noch unter der Fünf-Prozent-Hürde, aber nur knapp. Andere Umfragen geben den Piraten gerade mal zwei Prozent, doch wer etwas erreichen will, nimmt lieber das Positive in den Blick. Zahlen, die demotivieren? Ach was, sagt Kramm, "ich bin unglaublich motiviert".

Muss einer wohl auch sein, der äußerlich unverdrossen daran arbeitet, dass unmöglich Scheinende vielleicht doch noch wahr werden zu lassen. Bis Ende Mai soll der Wahlkampf der bayerischen Piraten stehen, und als Landesgeschäftsführer ist Kramm nicht nur für den eigenen Auftritt verantwortlich, sondern auch dafür, wie seine Partei um ihren Einzug in Landtag wie Bundestag wirbt. Also bastelt er an Webseiten und Youtube-Clips, nimmt Druckvorlagen für Poster und Flyer ab, beredet an Wochenenden mit seinen Parteifreunden aus dem heimischen Oberfranken, wann und wo die "Street-Teams" ihre Plakate zuerst aufhängen. Bayreuth, Bamberg zuerst, Forchheim etwas später? Und was ist in Kulmbach, wo er, der nur wenige Kilometer außerhalb wohnt, womöglich Heimvorteil genießt?

"Bei uns machen das ja alles Freiwillige", sagt er, "die Leute muss man schon motivieren, damit die auf die Leiter steigen und die Plakate an Lichtmasten hängen." Das Plakatfoto zeigt ihn, mit seinem schwarzen Hut auf den rot gefärbten Strähnen, neben der Parole "Teilen ist das neue Haben", mit der er "für ein Menschenbild der Solidarität, Freiheit und Entfaltung" werben will.

Umzug nach Berlin steht an

"Ich bin ein guter Motivator", sagt er. Und das ist er augenscheinlich gerade auch für sich selbst. Als ob er nicht genug um die Ohren hätte, steht mitten im Wahlkampf noch ein Umzug an - jawohl, ins Umland von Berlin. Mit der Wahl hat das jedoch gar nichts zu tun. Seine Lebensgefährtin muss beruflich in die Hauptstadt, und seine Berliner Zweitwohnung fand er kürzlich nach einem Rohrbruch knöcheltief unter Wasser stehend vor. Er kündigte den Mietvertrag. Und seinen Parteifreunden erzählte er auf dem Bundesparteitag im oberpfälzischen Neumarkt von "neulich, als ich durchhing".

Das war aber, so versichert er, erstens allenfalls für einen kurzen Moment so, und das Eingeständnis zweitens nicht wirklich so gemeint - sondern nur als dramaturgischer Dreh einer Motivationsrede für die Parteifreunde. Denn "den Kopf in 'n Sand stecken, geht nun gar nicht", sagt er.

"Lasst uns gemeinsam mit einem Hammer-Wahlkampf für eine bessere Gesellschaft kämpfen, die Welt wartet auf uns", hat er den Mitgliedern zugerufen. Anschließend hat er alle Bundestagskandidaten der Piraten in einem Nebenraum versammelt, sich in ihren Kreis gestellt und sie hochgepuscht: "Wir werden diesen Wahlkampf episch rocken!" So klingen Durchhalteparolen auf piratisch. Aber in diesem Moment scheinen alle daran glauben zu wollen. Der Beifall für Bruno Kramm rauscht laut und lange.