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SZ-Serie: Der Weg nach Berlin:Einsamer CDU-Kandidat aus Bayern

Die Wähler kennen Charles M. Huber aus dem Fernsehen, aber die CDU in Darmstadt fremdelt mit ihm. Er macht seinen Wahlkampf fast allein. Es heißt, er habe sich isoliert. Angeblich haben sich Christdemokraten und CDU-Anhänger insgeheim zu einer Erststimmen-Kampagne verabredet - für die prominente SPD-Kandidatin.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl 2013 sieben Menschen aus sieben Parteien auf ihrem Weg in die Politik - Fehler, Rückschläge und Niederlagen inklusive.

Es ist ein Moment zum Zurückblättern: Gab es am Anfang nicht so viel Zuspruch aus der Partei, die Charles M. Huber noch nicht kannte? Die Zahlen zumindest sahen danach aus. Im November war es, da kam der Schauspieler, der mal als Kommissar Henry Johnson aus der Serie "Der Alte" bekannt war, aus Bayern zur CDU in Darmstadt. Sie suchte einen Direktkandidaten für den Bundestag im abstimmungstechnisch engsten Wahlkreis Deutschlands, beim letzten Mal hatte die einstige Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) mit nur 45 Stimmen Vorsprung gesiegt. Nun sollte Hilfe von außen her, die CDU nominierte den Bayern mit 133 von 149 Stimmen.

Huber sitzt kurz vor dem Wahltag auf einem Podium in der Stadt, und man fragt sich, wie viele Stimmen er wohl jetzt noch aus seiner Partei bekäme? Das Darmstädter Echo hat die Kandidaten eingeladen, und Hunderte Wähler sind gekommen. Huber wird hinterher sagen, die Konkurrenten, ob nun Zypries oder die grüne Abgeordnete Daniela Wagner, hätten viele Parteigänger im Publikum gehabt. Er spricht von "Kader-Disziplin". Es sind auch Christdemokraten im Saal. Für Huber aber klatscht selten jemand.

Er macht seinen Wahlkampf fast allein, nur ein Freund aus Berlin und seine Büroleiterin hier unterstützten ihn. Aus der CDU, aber auch von anderen, ist zu hören, dass er sich isoliert habe. Schauspieler hätten offenbar Allüren, die Politiker nicht haben dürfen, sagt einer aus der Partei. Manche Christdemokraten und CDU-Anhänger hätten sich insgeheim zu einer Erststimmen-Kampagne verabredet: für Zypries, die Sozialdemokratin. Öffentlich sagt das niemand. Vielleicht hinterher. Falls Huber verliert. So geht Politik. Ob er aber auf verlorenem Posten steht, weiß keiner so recht. Er kommt mit seiner heiteren Art gut bei den Leuten im Straßenwahlkampf an. Und Huber sagt, dass es das sei, was zähle, und nicht die "Befindlichkeiten in den eigenen Reihen".

Crashkurs über Darmstadt

Auf dem Podium wirkt er einsam. Gleich zu Beginn wird er vom Moderator mit den Worten angesprochen, er sei ja gerade Gast in Darmstadt. Das muss Huber zurückweisen, er wohne doch nicht erst eine Woche hier. In der Debatte geht es um Lokalpolitik, die Staus in Darmstadt, die Wohnungsnot. Brigitte Zypries, dem Polit-Profi, muss das eigenartig vorkommen. Huber hat eine Art Crashkurs über Darmstadt absolviert, wenn er zu Wort kommt, wirkt es, als ob nun alles auf einmal raus will, was er gelernt hat.

Dazu liefert er allgemeine Obersätze: Darmstadt brauche ein Konzept aus einem Guss. "Es kann eines nicht sein, dass man Symptome voneinander trennt." Die Stadt dürfe nicht ideologisch verwaltet, sondern müsse gestaltet werden. Wenn man am Ende nur noch mit dem Fahrrad fahren könne, kämen immer weniger Leute nach Darmstadt. Wieder kein Beifall. Huber bekennt sich zur Flexi-Quote bei der Frauenförderung: "Frauen haben gleiche, zum Teil bessere Talente, das sieht man an unserer Kanzlerin."

Hinterher klagt er, die Debatte sei tendenziös geführt worden. Er schimpft über die frühere rot-grüne Stadtregierung, die viele Schulden hinterlassen habe. "In manchen Straßenzügen könnten Sie hier denken, Sie sind in der DDR gleich nach der Wiedervereinigung." Kurz darauf sitzen einige Lokalmatadoren beim Bier zusammen. Brigitte Zypries ist zu sehen, Grüne, auch Christdemokraten. Deren Kandidat sitzt im Auto auf dem Weg in seine Wohnung.

Die SZ begleitet sieben Kandidaten in ihrem Wahlkampf: Charles M. Huber (CDU), Bruno Kramm (Piraten), Stefan Liebich (Linke), Sabine Poschmann (SPD), Alexander Radwan (CSU), Judith Skudelny (FDP) und Petra Zais (Grüne).