Syrien Tsunami des Mitgefühls

Ikonische Bilder wie das des Jungen aus Aleppo braucht die Welt. Sie muss sie aber auch im Gedächtnis behalten.

Von Moritz Baumstieger

Ein kleiner Junge in einem Ambulanzwagen, blutend und mit Trümmerstaub bedeckt: Die grausame Schlacht um Aleppo, die seit Jahren andauert, hat nun ein Gesicht - es schaut apathisch und verstört in die Kamera. Die Welt braucht ikonische Bilder wie das des kleinen Omran Daqneesh, sie verdichten die Komplexität von Kriegen und Krisen auf einen einzigen Moment.

Auch wenn man der Ästhetisierung des Schreckens skeptisch gegenüberstehen mag, auch wenn man Emotionalisierung durch das Hervorstellen des Leids von Kindern fraglich findet: Ohne solche Fotos würde es den Zuschauern noch einfacher fallen, Augen und Herzen vor dem ganz alltäglichen Horror zu verschließen. Denn wer nimmt die stündlich eintreffenden Schreckensmeldungen aus Syrien noch wirklich wahr? Und wer hört die aus dem unsichtbaren Kriegsland Jemen?

Bedenklicher als die Reduktion von Konflikten auf ikonische Momente ist der Umgang mit diesen Bildern: Sie werden in den sozialen Medien geteilt - und anschließend vergessen, sobald sie auf der unteren Hälfte des Bildschirms verschwinden. Das Leiden in Aleppo und anderswo geht jedoch weiter, auch wenn der Tsunami des Mitgefühls im Internet abfließt. Die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi, ertrunken auf dem Weg nach Europa? Die traumatisierten Kinder von Clausnitz oder Idomeni? Starke Bilder, keine Frage - nur irgendwie verblasst, leider.