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"Mein Leben in Deutschland":Auch Einsamkeit macht krank

Flüchtlingsunterkunft in Düsseldorf

Viele junge Männer, die vor den Grausamkeiten des Krieges flohen, wurden hier zu Fremden.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Ihre Heimat ist verloren, ihre Herzen sind zerstört: Wie junge Männer im Exil leiden und daran sogar sterben können, beschreibt unser Kolumnist Yahya Alaous.

Der junge Mann namens Midas hatte eine Herzattacke überlebt, er war froh, nach ein paar Tagen im Krankenhaus wieder nach Hause zu können. Fast unbeschadet überstand er den Vorfall - bis auf den hohen Blutdruck, unter dem er seit dem Infarkt leidet, ist Midas gesundheitlich wieder hergestellt. An jedem Morgen, an dem er erwacht, dankt er Gott für den neuen Tag und für die Chance, weiterhin darauf zu hoffen, dass er die deutschen Behörden davon überzeugen kann, seine Frau zu sich holen zu dürfen. In den sechs Jahren, in denen Midas jetzt in Deutschland lebt, ist es ihm bislang nicht gelungen, dafür die Genehmigung zu erhalten.

Midas ist ein Flüchtling von Hunderten, die im Exil praktisch täglich von der Gefahr des plötzlichen Herzinfarkts bedroht werden. Allein im Januar 2020 starben in Deutschland sechs junge Männer im Alter zwischen zwanzig und fünfunddreißig an solchen Infarkten.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Diese Herzinfarkte blieben in der großen syrischen Online-Gemeinschaft nicht unbemerkt oder unkommentiert. In diversen Foren wird diskutiert: Wie kann man vorsorgen? Was sind die Ursachen? Wie kann man sich vernetzen, umeinander kümmern, wie die Gefahr verringern?

Auch wenn die deutschen Behörden einen der Todesfälle halb-offiziell als "Selbstmord" einstufen, so verringerte dies nicht die Intensität der Diskussion. Im Gegenteil: die Debatte wurde größer und starker. Es war, als wäre plötzlich ein Scheinwerfer auf das langsame Ausbluten der jungen Syrer hier in Deutschland geworfen worden. Diese jungen Männer, die vor den Grausamkeiten des Krieges flohen, wurden hier zu Fremden, die in Routinen gefangen sind, teilweise auch in großer Einsamkeit - Umstände, die sie möglichweise zu neuen potenziellen Todeskandidaten machen.

Eine Facebook-Seite zum Austausch über die Todesfälle

"Mein Herz, dein Herz" ist eine neue Facebook-Seite, die sofort nach Bekanntwerden der Todesfälle aufgesetzt wurde und die in kurzer Zeit mehr als 10 000 Abonnenten fand. Dina Aboul Hosn, die Gründerin der Seite, berichtet, dass es ihr ein Bedürfnis gewesen sei, eine Art emotionale Antwort auf das halbe Dutzend Todesfälle in nur kurzer Zeit zu geben. Dadurch, dass die Seite innerhalb weniger Tage tausende Unterstützer fand, sei klar, dass die syrische Community eine Plattform brauchte, um ihre Sorgen in dieser Hinsicht auszutauschen und sich zu informieren. Sie betont, dass auf der Seite nicht nur das Aktuellste diskutiert werde: die Menschen brächten sich mitsamt früheren Erfahrungen und Geschichten ein

Allerdings, mahnt Frau Aboul Hosn an, sei es nicht genug, nur im Netz aktiv zu sein. Die Verantwortung gegenüber den jungen Menschen liege nun darin, eine tatsächliche Gemeinschaft auch in der realen Welt zu schaffen, eine verlässliche Gemeinschaft, die mit tatsächlichen Hilfsangeboten wie organisierten Treffen und praktischen Tipps alle Mitglieder unterstützen könne.

Dadurch, dass die Seite offen über Gefühle und Todesumstände spricht, haben sich viele junge Männer vermutlich erstmals offen zu diesem stark emotionalen Thema geäußert. Wenn man die Kommentare und Diskussionsbeiträge der jungen Syrer liest, spürt man schnell, welche Angst und welche Verzweiflung in ihnen steckt. Sie fürchten generell um ihre Zukunft und auch um ihre psychische Gesundheit. Viele schreiben über Ängste, Einsamkeit, Nostalgie, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Angstzustände, Krankheiten, Scheidungen, Homosexualität, Isolation, Arbeitslosigkeit und das Gefühl der allgemeinen Ablehnung.

Sie schreiben über die ständigen Ängste, die sie für ihre Familien ausstehen, über ihre schrecklichen Erinnerungen an den Krieg, an Mord und Zerstörung, Erinnerungen, die oft zu Albträumen werden und Verstärkung erfahren, durch jede Sorte psychischer Bedrängnis: durch das Job-Center, durch die Angst vor der Zukunft, durch die Einsamkeit, durch Sprachschwierigkeiten, durch Angst vor Versagen und durch Angst davor, ihre Familien vielleicht nie wieder sehen zu können. Dazu kommen oft ein langweiliges soziales Leben, ein Mangel an Freunden und einer Partnerin - all diese Umstände verstärken das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, ungebunden, unerwünscht.

Junge Flüchtlinge brauchen psychologische Hilfe

In vielen Diskussionen habe ich gehört, dass man endlich aufhören sollte zu bezweifeln, dass viele junge Menschen psychologische Hilfe bräuchten. Zum einen haben sie im Krieg in Syrien so viel durchlebt und gesehen, dass manche schon während der Zeit, in der sie noch mit ihren Familien lebten, Hilfe gebräucht hätten.

Doch hier, in Deutschland, ist nun die wichtigste Frage: Haben sich die deutschen Behörden schon zu Wort gemeldet? Nehmen sie das neue Phänomen wahr, nehmen sie es ernst? Denkt man vielleicht sogar darüber nach, einige der harten Vorschriften, denen die Flüchtlinge hier unterliegen, zu lockern, etwa die Familienzusammenführung zu erleichtern? Oder, so fragen sich Tausende, wird es Routine werden, von zahlreichen Todesfällen unter jungen syrischen Männern in Deutschland zu lesen?

Ein solcher junger Syrer schrieb auf seiner Facebook-Seite: "Unser Ausschluss aus der deutschen Gemeinschaft und die Nicht-Akzeptanz unserer Anwesenheit ist der wichtigste Faktor. Ich kann mich nicht in eine Gesellschaft integrieren, wenn ich ihre weit geöffneten Arme nicht spüren kann. Es ist, als ob ich meine Arme zur großen Umarmung öffnete, mein Gegenüber aber seine Hände hinter dem Rücken zusammenhielte."

© SZ.de/kit
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