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Süssmuth-Interview:"Wir brauchen eine Leitkultur des Zusammenlebens"

Deutschland habe zuerst keine und dann eine halbherzige Integrationspolitik betrieben, sagt Rita Süssmuth. Die frühere Bundestagspräsidentin hält Integration für einen wechselseitigen Prozess - und verteidigt Mulitkulturalität als Tatbestand.

Der "Ehrenmord" an der Deutschtürkin Hatun Sürücu und der Hilferuf der Berliner Rütli-Schule entfachten eine aufgeregte Diskussion um Integration und Bildung von Migranten. Die heute veröffentlichte OECD-Studie kurbelt die Debatte neu an, besagt sie doch, dass die Leistungsrückstände von Migrantenkindern in Deutschland besonders groß sind.

Rita Süssmuth

Rita Süssmuth

(Foto: Foto: AP)

sueddeutsche.de: Frau Süssmuth, wie sieht eine gelungene Integrationspolitik aus?

Süssmuth: Geld allein genügt nicht. Wir geben ja bereits jetzt beträchtliche Summen für Sprach- und Integrationskurse aus. Wir wissen sehr wohl, dass auch hier die Effektivität an der Qualität der Kurse hängt. Wir haben das Problem, dass die Kurseinheit für 2,05 Euro erledigt werden muss. Da kann weder Beratung noch innere Differenzierung der Lerngruppen betrieben werden.

sueddeutsche.de: Aber ohne Deutsch-Kenntnisse geht es nunmal nicht. Süssmuth: Ganz entscheidend ist, dass wir auch in den Sprachkursen, nicht nur den Erwerb der Sprache, sondern deren Verwendung in Alltagssituationen mitbeachten. Wir müssen Sprachkurse mit dem Übergang zur Berufsausbildung und Arbeit verbinden. Bildung und Arbeit - diese beiden Bereiche sind ausschlaggebend für Teilhabe.

sueddeutsche.de: Der so genannte Ehrenmord an der Deutschtürkin Hatun Sürücü und die Zustände an der Berliner Rütli-Schule haben in den letzten Wochen für große Aufregung gesorgt. Ist das Konzept der Multikulturalität gescheitert?

Süssmuth: Multikulturalität ist kein Konzept, sondern ein Tatbestand. Da kann man nicht sagen, das sei alles gescheitert.

sueddeutsche.de: Tatbestand hin oder her, das Zusammenleben der Kulturen klappt eben nicht reibungslos.

Süssmuth: Wir sprechen in Bezug auf Integrationsprobleme fast ausschließlich von den Türken. Die Mehrheit der türkischen Migranten ist gut integriert. Es gibt auch Integrationsprobleme bei anderen Migrantengruppen wie auch bei Deutschen. Von ihnen ist nicht die Rede, auch nicht von den positiven Beiträgen der Migranten und Migrantinnen zu unserer Entwicklung in Deutschland.

Die zentrale Frage ist doch: Schaffen wir das Zusammenleben in einer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung? Wir müssen unsere Rechts- und Werteordnung durchsetzen - und leben.