bedeckt München 15°

Südkorea:Tod eines Hoffnungsträgers

Hatte große Pläne: Park Won-soon.

(Foto: Ed Jones/AFP)

Park Won-soon hatte große Pläne. Der Suizid von Seouls reformfreudigem Bürgermeister schockiert Südkorea.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Mittwoch trat Seouls Bürgermeister Park Won-soon noch einmal ans Licht der Öffentlichkeit. Pressekonferenz im Rathaus der südkoreanischen Hauptstadt, wie so oft. Park stellte den "Grünen Neuen Deal" vor, einen Umweltplan zur Reduzierung von Treibhausgasen. Die Regierung der 9,8-Millionen-Einwohner-Stadt will unter anderem von 2035 an Autos mit Verbrennungsmotoren in der City verbieten und im ganzen Stadtgebiet nur noch Neuwagen mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb zulassen, damit von 2050 an ganz Seoul abgasfrei fährt. Park Won-soon, 64, lächelte. Keiner ahnte, dass er nur wenig später den Tod suchen würde.

Am Donnerstag kurz nach Mitternacht fand die Polizei Park Won-soons leblosen Körper beim Nordtor der alten Stadtmauern am Berg Bukak. Sieben Stunden zuvor hatte seine Tochter ihn vermisst gemeldet, weil Park fortgegangen sei und eine Abschiedsnote hinterlassen habe. Die Behörden gaben Suizid als Todesursache an und veröffentlichten den letzten Brief Parks. "Dank an alle, mit denen ich mein Leben geteilt habe", heißt es darin, "an meine Familie: Es tut mir sehr leid, dass ich so viel Schmerz verursache. Bitte verbrennt meinen Körper und verstreut die Asche über den Gräbern meiner Eltern."

Der plötzliche Tod Park Won-soons war ein Schock für die Metropole, aber auch für die Staatsregierung des liberalen Präsidenten Moon Jae-in. Denn Park war nicht irgendein Lokalpolitiker. Nach außen wirkte er wie eine Art südkoreanischer Mustervertreter der regierenden Demokratischen Partei. Park saß in den Siebzigern sogar mal für vier Monate im Gefängnis, weil er an Studentenprotesten gegen die Militärdiktatur unter Präsident Park Chung-hee teilgenommen hatte.

Später arbeitete er als Menschenrechtsanwalt, war zwischendurch Gastforscher im Menschenrechtsprogramm der School of Law an der Harvard-Universität und gründete diverse soziale Projekte unter anderem das "Hoffnungsinstitut" für alternative Bürgerpolitik. Die Seouler Bürgermeisterwahl gewann er erstmals 2011, als unabhängiger Kandidat. Er verfolgte schon nachhaltige Stadtentwicklung, als die Nationalregierung noch in konservativen Händen lag. Er galt als moralische Instanz und bewies in der Coronavirus-Krise Führungsstärke. Es lag nahe, dass Park 2022 für die Nachfolge von Staatspräsident Moon kandidieren würde.

Warum Park Suizid beging, ist noch nicht endgültig geklärt. Die Polizei ermittelt. Aber nach den ersten Informationen sieht es so aus, als sei der Bürgermeister wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung unter Druck geraten. Ausgerechnet der Philanthrop und Gleichstellungsverfechter Park, der als Anwalt auch schon für Frauenrechte gestritten hat, soll einer früheren Sekretärin zu nahe getreten sein, die ab 2017 im Rathaus arbeitete. Die Ex-Sekretärin hat bei der Polizei Anzeige erstattet. Der Bürgermeister habe sie in seinem Büro umarmt und begrapscht. Außerdem habe er ihr eindeutige Fotos und Nachrichten geschickt. Sie sei nicht das einzige Opfer im Rathaus, die anderen würden aus Angst schweigen.

"Park hat Moral über alles andere gestellt", zitiert die Zeitung Hankyoreh einen Beamten des Rathauses, "ich hatte keine Ahnung, dass so etwas passieren würde." Von der Anzeige soll Park Won-soon erst am Mittwochabend erfahren haben, also nach der Pressekonferenz zu seinen Umweltplänen. Danach soll sein Beraterstab zusammengetreten sein, in dem sich auch eine Fachperson für Gleichstellungsfragen befindet. Die Beraterinnen und Berater sollen ihm den Rücktritt nahegelegt haben. Am nächsten Tag meldete sich Park krank.

Die Stadt ehrt Park Won-soon mit einer fünftägigen Trauerfeier. Die Amtsgeschäfte übernimmt Parks Stellvertreter Seo Jung-hyup bis zur Neuwahl am 7. April. Seo sagte: "The Verwaltung wird ohne Aufschub weitergeführt im Einklang mit Bürgermeister Park Won-soons Philosophie, dass Sicherheit und Sozialwesen an erster Stelle stehen."

© SZ vom 11.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite