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Südkorea:Musterland in Gefahr

Maskenpflicht überall: Die Regierung in Seoul verhängt erneut drastische Maßnahmen gegen die Pandemie. Zuletzt sind die Ansteckungszahlen wieder stark gestiegen. Doch auch in Südkorea wächst der Widerstand - ein Kirchenführer marschiert vorweg.

Von Thomas Hahn, Tokio

An diesem Montag wird sich das Straßenbild in Südkoreas Hauptstadt Seoul verändern. Denn dann gilt die Maskenpflicht dort nicht mehr nur in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sondern überall in der Öffentlichkeit, in Einkaufszentren, auf der Straße, in Parks. Interims-Bürgermeister Seo Jung-hyup verkündete die Anordnung am Sonntag. Sie ist der nächste Versuch, das neue Hoch der Coronavirus-Infektionen im Tigerstaat einzufangen.

397 neue Fälle hatte das Koreanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Vorbeugung (KCDC) wenige Stunden zuvor gemeldet, so viele wie seit 7. März nicht mehr. Seit zehn Tagen gibt es täglich dreistellige Zuwächse. Betroffen sind vor allem Seoul und die umliegende Provinz Gyeonggi, das Gebiet also, in dem fast die Hälfte der 51 Millionen Einwohner Südkoreas leben. Aber letztlich steigen die Infektionszahlen im ganzen Land. Seit Beginn der Pandemie hatte Südkorea schon Phasen der Entspannung - jetzt herrscht wieder Krisenstimmung. KCDC-Direktorin Jung Eun-kyeong sagte: "Das Land befindet sich in einer sehr ernsten Situation, weil eine zweite Welle von Infektionen die gesamte Nation treffen wird, wenn die Bürger sich nicht an die Abstandsregeln halten."

Diese sind jetzt wieder deutlich verschärft. Risiko-Betriebe wie Karaoke-Bars oder Clubs müssen schließen. Strände bleiben zu. Sonntagsgottesdienste dürfen nicht stattfinden. Freiluft-Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen sind verboten. Und Präsident Moon Jae-in sah sich zu einer harten Ansage veranlasst. Er wies die Behörden an, Strafverfahren einzuleiten gegen alle, die epidemiologische Ermittlungen oder Quarantäne-Maßnahmen stören. Das Kernprinzip im Kampf gegen Covid-19 sei das schnelle Aufspüren von möglichen Patienten. "Aber einige Leute und Organisationen stören systematisch die Bemühungen der Regierung."

In der Tat scheint Moons liberale Regierung mittlerweile nicht mehr nur gegen das Coronavirus zu kämpfen, sondern auch gegen religiöse Gruppen und politische Gegner. Südkoreas Virusmanagement gilt als vorbildlich, weil es nicht nur die Verbreitung des Krankheitserregers eindämmte, sondern dies auch ohne Ausgehverbote schaffte. Die Disziplin der Bürger war ein Schlüssel des Erfolgs. Kirchen und Regierungsgegner scheinen diese Disziplin nun zu unterwandern. Am Sonntag missachteten zum Beispiel protestantische Kirchen in Busan das Verbot von Menschenansammlungen - immerhin kamen Masken, Hand-Desinfektionsmittel und Abstandsregeln zum Einsatz.

Ein größeres Thema ist die Seouler Sarang-Jeil-Kirche des erzkonservativen Pastors Jun Kwang-hoon. Das KCDC führt viele der jüngsten Infektionen auf diese Kirche zurück. Jun, mittlerweile selbst ein Covid-19-Fall, ist ein Gegner Moons. Mehrere Demonstrationen gegen dessen Regierung hat er schon organisiert, die jüngste am 15. August mit Tausenden Menschen. Abstandsregeln interessierten dabei nicht. Bei den Ermittlungen der Infektionswege war die Kirche nicht hilfreich genug, weshalb die Polizei eine Hausdurchsuchung vornahm. Am Sonntag verkündeten Anwälte der Kirche, sie würden Strafanzeige stellen gegen Premierminister, Gesundheitsminister, Bürgermeister und Polizeichef. Eine "Hexenjagd" sei im Gange. Es sieht so aus, als habe das Virus in Südkorea allmählich Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Frieden.

© SZ vom 24.08.2020
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