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Südkorea:Megafon-Pause

In Seoul wird oft und lautstark demonstriert - zu oft, finden viele Einwohner und fordern einen protestfreien Tag.

Choi Hojin mag das Durcheinander der Meinungen und den Klang des Bürgersinns auf den Straßen. "Das ist die Schönheit der Demokratie", sagt die Rathaussprecherin der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Idee, pro Woche einen protestfreien Tag einzuführen, findet sie aber bedenkenswert. Denn mit den ständigen Kundgebungen in der Metropole ist es ein bisschen so wie mit zu lauter Musik. Selbst wenn sie schön sind, können sie anderen auf die Nerven gehen.

Der Tigerstaat Südkorea ist eine junge Demokratie. Von 1910 bis 1945 war das Land von Japan besetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg tobte der Koreakrieg (1950 bis 1953), und auch in den ersten Jahren danach herrschte der Diktator Rhee Syng-man. Erst in den vergangenen 40 Jahren hat sich Südkorea zu der freiheitlichen Wohlstandsgesellschaft entwickelt, die es heute ist. Und diese Errungenschaft leben die Menschen nun mit großer Hingabe aus. Mit zu großer Hingabe, wie viele Einheimische in Seoul finden.

Denn in der Hauptstadt wird tatsächlich so gut wie jeden Tag für oder gegen irgendetwas demonstriert. Gegen die japanische Regierung, die amerikanische Regierung, die südkoreanische Regierung, die Gegner der südkoreanischen Regierung. Für Rechtsreformen, Krankenpflege, Verbot des Hundefleischhandels, Erdbebenopferhilfe in Pohang und so weiter. Nicht immer handelt es sich dabei um straßenfüllende Massenkundgebungen, wie es sie gerade in diesem Jahr des eskalierenden Streits zwischen konservativen Oppositionellen und den Anhängern des liberalen Präsidenten Moon Jae-in gegeben hat. Manche Protestierer sind ganz leise, stehen in kleinen Formationen am Straßenrand und zeigen ihre bunten Plakate. Viele andere allerdings lassen ausführliche Brandreden durch Megafone knattern oder spielen laute Musik ab.

Wer nebenan wohnen oder arbeiten muss, ist genervt. Viele Beschwerden haben die Stadtpolitik dieses Jahr erreicht, bei aller Liebe zur Demonstrationsfreiheit. Choi Hojin gibt im Rathaus zu: "Wenn ich hier in der City wohnen würde, hätte ich auch ein großes Problem." Bürgermeister Park Won-soon, ein früherer Menschenrechtsanwalt, hat Verständnis. Eine mögliche Lösung wäre eben besagter wöchentlicher Pausentag für die Demokratiegeschädigten am Gwanghwamun-Platz, Cheonggye Plaza oder anderen beliebten Versammlungsorten. Die Idee sei schon mehrmals in einem Bürgerforum zur Umgestaltung des Gwanghwamun-Platzes vorgeschlagen worden, hieß es zuletzt in der Korea Times.

Ob der demonstrationsfreie Tag tatsächlich kommt, steht noch nicht fest. Der Stadtrat diskutiert. Bürgermeister Park sieht den Menschen als Mittelpunkt seiner Stadtpolitik, die Ruhestörung der Anrainer ist ihm deshalb nicht egal. Andererseits rüttelt er ungern an den demokratischen Werten. Rechtliche Schwierigkeiten tun sich auf. Darf man das Demonstrationsrecht einschränken? Seoul will sich in Städten wie Berlin oder London informieren und plant eine Bürgerumfrage. Bis dahin könnten auch die betroffenen Seouler von ihrem Grundrecht Gebrauch machen. Mit Demonstrationen gegen die Demonstrationen.

© SZ vom 21.12.2019

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