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Studie:Feindbild Israel

Antisemitische Einstellungen sind unter arabischen Flüchtlingen in Deutschland verbreitet, so eine Studie des American Jewish Committee.

Früher als ursprünglich geplant hat das American Jewish Committee (AJC) eine Studie zu antisemitischen Feindbildern vorgestellt. Man habe sich dazu angesichts der jüngsten antiisraelischen Proteste entschlossen, sagte ein AJC-Mitarbeiter am Mittwoch. Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem Historiker und Antisemitismusforscher Günther Jikeli von der Universität Potsdam.

Bei der nicht repräsentativen Untersuchung wurden 68 Geflüchtete aus Syrien und dem Irak im Dezember 2016 in Kleingruppen in Berlin befragt. Antisemitische und antiisraelische Einstellungen und Stereotype unterschiedlicher Ausprägung sind demnach unter den 18- bis 52-jährigen Teilnehmern weit verbreitet. Oft würden Verschwörungstheorien das Welt- und Geschichtsbild prägen. In dem Forschungsbericht heißt es außerdem, eine Infragestellung des Existenzrechts Israels sei für fast alle arabischen Interviewten selbstverständlich. "Das Feindbild Israel bricht jedoch vereinzelt auf, insbesondere angesichts der Verbrechen des IS", sagte Jikeli. Im Alltag würden diese Themen wegen anderer Sorgen selten im Vordergrund stehen. "Sie können aber von Organisationen, die daran ein Interesse haben, zur Radikalisierung geweckt werden."

Antisemitismus sei in Deutschland auch ohne Zuwanderung ein Problem und lasse sich nicht auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen beschränken. Es stelle sich jedoch die Frage, ob dieser durch Zuwanderung zunehme, sagte Jikeli: "Viele dieser Menschen kommen aus Ländern, in denen Antisemitismus zur Norm und teils Staatspropaganda gehört. Wenn man jeden Tag auf diese Ideologie schwören muss, bleibt das hängen." Ziel sei es deswegen gewesen zu beantworten, ob Geflüchtete ihre Anschauungen verändern, wenn sie länger in Deutschland leben. Hierbei seien Pauschalierungen unangebracht. "Das wird den Menschen nicht gerecht und vergibt auch die Chance auf einen positiven Umgang mit dieser Problematik", sagte Jikeli. Wenn die vorherrschenden Denkstrukturen hinterfragt würden, könnten Geflüchtete wirklich ankommen - und wiederum positiven Einfluss auf Menschen in ihrer Heimat nehmen. Die Bereitschaft dazu und das Erkennen der Problematik sei unter den Befragten durchaus vorhanden. Vor allem diejenigen, die zu ethnischen und religiösen Minderheiten gehören, sind der Studie nach projüdisch und proisraelisch eingestellt oder zeigen sich diesbezüglich offen.

"Bedeutend für die Frage, wie Integration gelingen kann"

Zum Forschungsbericht "Einstellungen von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak zu Integration, Identität, Juden und Schoah" äußert sich auch die Direktorin des Berliner AJC, Deidre Berger: "Die Erkenntnisse sind von großer Bedeutung für die Frage, wie die Integration von Geflüchteten gelingen kann." Die Klarheit einiger Aussagen habe überrascht. "Das Problem ist schwieriger als von manch einem angenommen." Aber das Ergebnis müsse differenziert gesehen werden, nicht alle Flüchtlinge seien gleich.

Die Antworten und auch die Bewertung des Einflusses von gesellschaftlichen Normen, Bildung, Religiosität, Propaganda oder Solidarität mit Palästina wurden unterschiedlich eingeschätzt. Laut Günther Jikeli hängt das mit der Dynamik in den ethnisch, religiös und geschlechtlich gemischten Gruppen zusammen. Jedoch bestätige eine weitere Studie mit mehr Teilnehmern die Ergebnisse. Diese soll im März veröffentlicht werden.

© SZ vom 14.12.2017
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