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Studie:Einstiegsdroge in den Extremismus

Alarmierende Ergebnisse: Jeder dritte Deutsche vertritt ausländerfeindliche Positionen, erschreckend hoch ist die Abwertung von Muslimen, auch Antisemitismus ist weit verbreitet. Und es gibt ein deutliches Ost-West-Gefälle.

Von Clara Lipkowski

Die Deutschen werden immer intoleranter. Die Ausländerfeindlichkeit steigt. Muslime werden deutlich negativer gesehen. Antisemitismus ist nach wie vor verbreitet und die offene Gesellschaft, in der alle Gruppen gleiche Rechte haben, wird zunehmend infrage gestellt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Leipziger Forschern zum Thema Autoritarismus. Die Soziologen Oliver Decker und Elmar Brähler von der Universität Leipzig haben sie am Mittwoch in Berlin vorgestellt. Studienleiter Decker zeigte sich alarmiert von den Ergebnissen. "Wir beobachten hohe Zustimmungswerte für die Einstellung, die in der Forschung als ,Einstiegsdroge' in den Rechtsextremismus gilt: Die Hemmschwelle, rechtsextremen Aussagen zuzustimmen, ist besonders niedrig." Für die repräsentative Studie wurden zwischen Mai und Juli dieses Jahres 2416 Menschen in Deutschland (West: 1918, Ost: 498) zu ihren Einstellungen interviewt. Seit 2002 beobachten die Forscher die Einstellungen der Deutschen zum Rechtsextremismus.

Die Befragung in der Kategorie Ausländerfeindlichkeit zeigt, dass 24 Prozent und damit rund ein Viertel der Deutschen eine ablehnende Haltung gegenüber Ausländern haben. Deutlich zeigt sich hier ein Ost-West-Gefälle. Während im Westen 22 Prozent der Befragten ausländerfeindlich eingestellt sind, sind es im Osten 31.

Insgesamt stimmen 36 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen. Mehr als ein Viertel würde Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn in Deutschland die Arbeitsplätze knapp werden. 36 Prozent halten die Bundesrepublik durch Ausländer in einem gefährlichen Maß für "überfremdet". Bei all diesen Antworten stimmten Ostdeutsche öfter zu als Westdeutsche.

Auch Antisemitismus ist weit verbreitet - 26 Prozent finden, "Juden passen nicht recht zu uns"

Obwohl interkultureller Austausch im Alltag stattfinde, würden Vorurteile nicht abgebaut, analysieren die Forscher. Deutlich zeigt sich, dass Menschen mit Abitur viel seltener rechtsextrem sind als jene ohne Hochschulreife. Außerdem erreichen Männer in allen Kategorien höhere Werte als Frauen. Deutlich mehr Männer (26,3 Prozent) stimmen zum Beispiel ausländerfeindlichen Aussagen zu als Frauen (22,2). Ältere tendieren eher zu rechtsextremen Positionen als jüngere.

"Erschreckend hoch" sei die Abwertung von Muslimen. 44,1 Prozent der Befragten finden, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. In den neuen Bundesländern sieht das sogar jeder Zweite so. Der Anteil derer, die sich "durch die vielen Muslime wie ein Fremder im eigenen Land fühlen" ist 2018 in ganz Deutschland ebenfalls gestiegen, auf 56 Prozent (2014 waren es 43 Prozent). Ähnliches zeigt sich beim Antiziganismus. 56 Prozent der Deutschen geben zu, Probleme damit zu haben, wenn sich Roma und Sinti in ihrer Gegend aufhalten, 50 Prozent wollen sie aus Innenstädten verbannen, 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen.

Weit verbreitet ist auch Antisemitismus. Der Aussage, "Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns" stimmen in Westdeutschland 26 Prozent entweder voll oder in Teilen zu; im Osten sogar 39,6 Prozent. Der Anteil an Personen, den die Forscher als "manifest antisemitisch" identifizieren, ist im Westen leicht zurückgegangen (von 5 Prozent 2016 auf 4,2 Prozent 2018). In Ostdeutschland stieg der Wert an (von 4,1 Prozent auf 5,2 Prozent). Erfreulich nannten die Autoren der Studie, dass die Deutschen das Prinzip der Demokratie befürworten (93,9 Prozent). Fragten die Forscher jedoch detaillierter nach, zeigte sich ein anderes Bild. Mehr als die Hälfte der Befragten finden, "manche Gruppen sollten sich nicht wundern, dass der Staat ihre Rechte einschränkt". Das Prinzip "gleiche Rechte für alle" lehnt eine hohe Zahl der Studienteilnehmer also ab. Weiter drücken die Befragten eine große Politikverdrossenheit aus: 70 Prozent geben an, "Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut".

© SZ vom 08.11.2018
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