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Stars auf Tournee:Yesterday

Nostalgie treibt viele Menschen in Konzerte, um noch einmal die Heroen ihrer Jugend zu erleben. Für deren rege Ruhestandsaktivität gibt es allerdings einen weiteren, recht banalen Grund.

Im vergangenen Sommer konnte man innerhalb weniger Wochen mehreren Musikern über 60 oder gar 70 Jahren dabei zusehen, wie sie ihre Jobs als Rock- und Pop-Legenden mit unterschiedlicher Hingabe ausfüllten. So sang Rod Stewart in der Münchner Olympiahalle, und wer dort war, erlebte das Konzert eines großen Entertainers, im Stil von Dean Martin und Frank Sinatra. Stewart hatte nicht nur 20 Welthits im Gepäck, sondern machte auch sein Alter mit aller Gelassenheit zum Bestandteil seiner Show. Während hinter ihm junge Frauen in Fransenröcken trommelten, spielten und sangen, tänzelte er mit der eingeschränkten Eleganz eines alten Tigers über die Bühne. Hatte man beim ersten Lied Sorge, Stewart könnte den erforderlichen Druck nicht mehr hinter seine Stimme bringen, gelang es ihm bei "I Don't Want To Talk About It" dann mühelos, das Publikum in der Halle aus den Stühlen zu heben. Natürlich singen in so einem Moment alle mit.

Im Publikum sah man einige junge Menschen, viele, die in der Mitte ihres Lebens stehen, und sehr viele reifere Mitsinger. Immerhin ist Stewart mittlerweile 75 Jahre alt, seinen ersten Welthit, "Maggie May", hatte er 1971 - da waren Stewart und seine Fans der ersten Stunde Mitte 20. Vor allem sah man im Publikum viele glückliche Gesichter, die sich daran erinnerten, wie es war, als sie "Maggie May" oder "I Don't Want To Talk About It" zum ersten Mal hörten. Das ist die Magie dieser Konzerte: Es wird der Soundtrack des Lebens gespielt, und dabei treffen ältere Menschen auf ältere Menschen, um sich gemeinsam wieder jung zu fühlen.

Stets schwingt das Grundgefühl mit, dass man einen Künstler vielleicht nicht mehr sehen wird

Ähnlich war die Atmosphäre, als Elton John kurz darauf mit seiner "Farewell Yellow Brick Road"-Tour zu Gast war, die wirklich die allerletzte in seinem Leben sein soll. Im selben Zeitraum kam noch Phil Collins, der das heimliche Motto solcher Versammlungen gleich als Titel seiner "Still Not Dead Yet"-Tournee verwendete (dem Nachfolger seiner "Not Dead Yet"-Tour von 2017).

Denn es geht natürlich nicht nur um Klassentreffenstimmung, es schwingt immer das Grundgefühl mit, dass man einen Künstler womöglich sonst nicht mehr sehen wird im Leben. Im eigenen oder in seinem. David Bowie, George Michael und Prince sind alle unvermittelt gestorben, wer die verpasst hat, darf sich nun ewig ärgern. Doch für 2020 haben sich bereits zum Besuch angekündigt: Eric Clapton, Carlos Santana, Bruce Springsteen, Guns N'Roses und Paul McCartney.

Paul McCartney

Gemeinsam wieder jung? Paul McCartney (hier in Chicago)...

(Foto: Rob Grabowski/Invision/AP)

Bevor McCartney für einen Auftritt nach Deutschland kommt, wird er als eines der Zugpferde neben Taylor Swift, 30, auf dem Glastonbury-Festival spielen, einem der größten Konzertfeste weltweit. McCartney wird nicht nur der Star der Veranstaltung sein, sondern mit dann 78 Jahren auch der älteste Rockstar, der je die Hauptbühne bespielt hat. Und wem das sogenannte Line Up, also die Gesamtheit aller dort Auftretenden, nicht genügend Grund bietet, 265 Pfund plus Gebühren zu zahlen, wird sich vielleicht denken: einmal noch die Legende erleben. Immerhin, der Beatle, der "Yesterday" nicht nur mit dieser jungenhaften Melancholie hauchen kann, sondern es auch geschrieben hat - da zupft der Weltgeist im Hintergrund sanft den Bass.

Ein Ticket für McCartneys Auftritt in Deutschland, im Rahmen seiner "Freshen Up"-Tour, am 4. Juni in Hannover, wird mindestens 139 Euro kosten, bestuhlt, mit Rücksicht auf die potenzielle Zielgruppe. Natürlich gibt es auch weniger große Stars, die auf ihre alt und älter werdenden Tage noch mal unterwegs sind. Wer sich noch an die Bands Uriah Heep, Wishbone Ash und Nazareth erinnert - die gehen 2020 alle drei gemeinsam auf Tour in kleinen Hallen und kosten zusammen nur die Hälfte des Eintritts, den McCartney nimmt.

Der Grund für die rege Ruhestandsaktivität all dieser Musiker ist einfach: Geld. 2018 wurde in Deutschland noch ein Umsatz von 579 Millionen Euro mit CDs gemacht, doch er hat sich seit 2010 fast halbiert. Und bei den Künstlern bleibt weniger hängen, vor allem seitdem die Streaming-Dienste immer stärker werden und nur noch Cent-Beträge zahlen. Konzerte sind zwar teuer in der Ausführung und zudem ein Hochrisikogeschäft, dafür aber zucken die Fans heute nicht mehr groß, wenn sie mehr als hundert Euro für eine Eintrittskarte zahlen sollen.

Hard Rock Calling 2013 - Day 2

...oder Bruce Springsteen (bei einem Auftritt im Olympic Park in London)...

(Foto: Matt Kent/Getty Images)

Alan Krueger, einstiger Wirtschaftsberater von Barack Obama, erklärte den veränderten Markt in seinem Buch "Rockonomics" so: Bei den fünf Topverdienern des Rockgeschäfts machen Konzerterlöse heute 85 Prozent des Umsatzes aus. Insgesamt stiegen die Ticketpreise von 1981 bis 2018 um 400 Prozent (Verbraucherpreise im Vergleich dazu um 160 Prozent). Wobei man wissen muss, dass nur die größten und beliebtesten Stars 80 Prozent am gesamten Konzertmarkt unter sich aufteilen. Daher setzen die großen Veranstalter auf die bekanntesten Marken. Wie viel sie damit genau verdienen, geben sie nicht preis. Den reiferen und solventen Fans, die sich nicht mehr nach vorne an die Bühne drängeln wollen, um dann zwei Stunden nicht auf die Toilette gehen zu können, ohne ihren Platz zu verlieren, leisten sich durchaus auch VIP-Karten für 300 und mehr Euro. Für diese Kundschaft sind bei großen Konzerten Bereiche direkt an der Bühne abgesperrt und gesichert, in die weniger Besucher eingelassen werden und wo man entspannt ein Bier beim fliegenden Händler kaufen kann.

"Es ist ein fantastischer Lifestyle, deswegen wollen doch so viele Leute Rockstars werden."

Wer Paul McCartney als junger Mensch verpasst und es im Leben zu etwas gebracht hat, kann sich heute das Naherlebnis kaufen, vermutlich ist das Geld hier besser investiert als in einen Wellness-Urlaub oder einer Lidstraffung. Die Anlässe zu singen, zu tanzen und zu feiern werden ja eher seltener im Verlauf eines Lebens. Für die Zuschauer, aber auch für die Stars.

Andererseits kann man sich natürlich fragen, wieso Elton John, Paul McCartney oder Rod Stewart sich diesen Stress antun, wo sie ohnehin schon schwerreich geworden sind mit ihrer Musik. Im Fall von Rod Stewart konnte man den Künstler sogar selber fragen. "Wissen Sie, was mit Männern passiert, die aufhören zu arbeiten? Sie bekommen einen Herzinfarkt", war die Antwort im Sommer 2019, bevor er wieder auf Tour ging. Stewart, der ausgesprochen unterhaltsam über das Leben auf Tour erzählen kann, führte noch aus: "Stellen Sie sich vor, Sie wären Sänger und hätten die Chance, auf die Bühne zu gehen und sich vor zehntausend Menschen zu präsentieren und dafür bezahlt zu werden. Sie können hinterher einen Drink mit der Band nehmen und solche Gespräche führen: Und, wie gut waren wir heute? Wir waren großartig! Wie haben wir diesen Song hinbekommen? Exzellent! Es ist ein fantastischer Lifestyle, deswegen wollen doch so viele Leute Rockstars werden."

So wie Rod Stewart erleben das nicht alle alten Haudegen. Elton John war eine gewisse Superstar-Fatigue bei seinen jüngsten und angeblich letzten Auftritten anzumerken. Doch wenn John, 72, zu Beginn seines Konzertes einen einsamen Akkord in die Tastatur seines Flügels hämmert, eine Pause lässt, noch mal hämmert, eine Pause lässt, und einen Lauf folgen lässt, dann singen 8000 Menschen wie aus einer Lunge "Benny and the Jets" mit.

Tatsächlich arbeitet Elton John bereits am eigenen Nachruhm, hat "Rocketman", den Film über sein Leben, mitproduziert, seine Biografie schreiben lassen und will sein Werk noch ein letztes Mal aufführen, bevor er endgültig Privatmann wird. Die großen Überlebenden des Rock 'n' Roll bringen ihre Werke in neuen, gemasterten, digitalisierten oder ganz neu abgemischten Werken wieder auf den Markt, und dann noch ein (oder zwei oder drei) Mal zur Aufführung. Das ist Pflege des eigenen Denkmals und andererseits Umsatzsicherung der zur Firma gewordenen Bühnenpersona.

Rod Stewart lässt das Publikum mitsingen - jahrzehntelang bewährte Live-Routine

Die Stars der heutigen Zeit werden das womöglich gar nicht mehr erleben können. Elton John ist, wie Paul McCartney und die anderen, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen, eben auch ein Star aus einer Ära, in der das Wort "Gassenhauer" noch gebräuchlich war. Als also nicht auf Dutzenden Abspielkanälen, auf Youtube, Spotify, in Internet-Radiosendern und auf Soundcloud, Musik waberte, die zwar Millionen Mal gehört, aber als nicht sonderlich wertvoll wahrgenommen wird. Sie ist halt immer da, einfach und kostenlos, wohingegen die erschwerten Hörbedingungen früher dazu führten, dass man abends, nach Bettzeit, vor den Fernseher schlich, um den "Beat-Club" oder den "Musikladen" zu sehen. Oder dass man die Hits aus dem Radio auf Musikkassetten aufnahm, um sie dann in endloser Wiederholung zu hören. Schallplatten kaufte man sich erst, wenn man sicher war, dass man mit Supertramp oder Led Zeppelin einen Bund fürs Leben eingehen wollte. Und so sind die Musiker und ihre Hörer zwar älter geworden, bleiben aber in Verbindung, weil man "Comfortably Numb" mit 20 Jahren anders hört und versteht als mit 50. Es dient auch dem persönlichen Abgleich, alle paar Jahre die Rolling Stones oder Depeche Mode zu hören. Oder "Start Me Up" mal wieder zur Aufführung zu bringen. Es entsteht ein Bund fürs Leben.

Elton John Performs at the Twickenham Stoop

...oder Elton John (hier ebenfalls in London) sind alle 70 und älter. Doch zu ihren Live-Auftritten kommen die Zuschauer noch immer zu Tausenden.

(Foto: Ian Gavan/Getty Images)

Elton Johns Percussionist Ray Cooper, der mit immerhin auch schon 72 Lebensjahren die Auftritte Johns mit großer Energie nach vorne trommelt, versicherte im Rahmen des Münchner Konzerts, dass es wirklich die letzte Tour sei. Aber die dehnt Elton John immerhin so lange aus, dass er auch 2020 wieder vorbeikommt. Noch einmal spüren, dass man nicht nur am Leben ist, sondern im Leben so vieler anderer Menschen eine Rolle spielt, kann ein anhaltender Reiz sein. Elton John fordert bei seinem Auftritt - ganz alte Diva - das Publikum zu immer mehr Applaus auf, und bekommt ihn. Rod Stewart hält, in jahrzehntelang bewährter Live-Routine, sein Mikrofon ins Publikum, um die Anwesenden "I Am Sailing" singen zu lassen.

Sogar Herbie Hancock, 79, als Jazz-Legende eher nicht so mit Schunkelstimmung vertraut, brachte seine Zuhörer bei der jüngsten Tour dazu, ihn am Umhänge-Synthesizer mit einem Chor zu begleiten. Jüngere Menschen wundern sich vielleicht, wieso erwachsene, gar nicht mehr junge Menschen zu willenlosen Fans werden, nur weil ein Siebzigerjähriger mit dem Finger schnippt. Doch es sind die Gesten einer gemeinsam erlebten Ära.

© SZ vom 25.01.2020/cat
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