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Zeitzeuge über Staatsgründung 1949:"Wir Juden werden nicht mehr abgeschlachtet"

Welche Stimmung herrschte in Israel nach der Staatsgründung 1948?

Viele, so wie ich auch, hatten ihre Familien im Holocaust verloren. Deshalb war das vorherrschende Gefühl: Wir Juden werden nicht mehr abgeschlachtet. Wir wussten aber auch: Wenn unsere Gegner siegen, haben wir keine Zukunft. Das war ein Überlebenskampf.

Haben Sie 1948 darüber nachgedacht, wie sich der Staat Israel in den folgenden Jahren entwickeln wird?

In so einer Situation denkt man nicht so weit. Man fragt sich: Werde ich den nächsten Tag überleben? Ich war aber sicher, dass der Staat das überstehen wird. Ich habe gewusst, dass da ein enormes menschliches Potenzial ist an Intelligenz, an Schaffenskraft. Dabei ist das Land an Ressourcen ja sehr arm.

Es gab seit der Gründung Israels vor 70 Jahren kein Jahrzehnt ohne einen Krieg. Ist die Gewalt in Israel immer mehr zum Alltag geworden?

Das würde ich so nicht sagen. Der Alltag der meisten Leute wird nicht davon bestimmt. Natürlich gab es nach 2000 die Intifada und den ständigen Terror. Aber Israel ist dem Herr geworden. Auch wenn man dafür einen Sicherheitszaun bauen musste. Viele jammern darüber, genau wie über die Siedlungen in den besetzten Gebieten. Wer spricht denn über die türkischen Siedlungen im besetzten Nordzypern? Kein Mensch.

Sie finden das ungerecht.

Natürlich ist das ungerecht. Diese Beschuldigungen, Israel mache mit den Palästinensern, was die Nazis mit den Juden gemacht haben, sind antisemitisch. Und dann regen sich die Leute über Israel auf, wo die drittgrößte Kraft in der Knesset die arabische Liste ist. Dass dieser Staat nicht perfekt ist, wissen wir. Aber auch Deutschland und Österreich sind nicht perfekt. Warum erwartet man von Israel, dass es ein perfektes Land ist?

Am 14. Mai soll die neue US-Botschaft in Jerusalem eröffnet werden. Damit geht auch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die Amerikaner einher. Freuen Sie sich darüber oder befürchten Sie, dass es zu Konflikten kommt?

Das ist eine Anerkennung der realen Situation, denn Jerusalem ist die Hauptstadt Israels, dort sind die meisten Ministerien und die Knesset, das Parlament. Wahrscheinlich werden andere Staaten dem Beispiel der USA folgen. Es ist ja nichts Neues, dass es im Nahen Osten Spannungen gibt. Es gibt Auseinandersetzungen im Irak, in Jemen, in Libyen und den permanenten Krieg in Syrien. Das sind ja ernsthafte Probleme. Ob da eine Botschaft ein paar Kilometer weiter östlich von Tel Aviv verlegt wird, wer regt sich denn wirklich darüber auf? Ein paar religiöse und nationalistische Fanatiker. Und die Botschaft wird ja nicht in Ost-Jerusalem sein, wo viele Araber wohnen, sondern in West-Jerusalem.

US-Präsident Donald Trump hat entschieden, dass die USA aus dem Iran-Atomabkommen aussteigen werden. Heizt das den Konflikt weiter an?

Das wissen wir noch nicht. Man hat auch gesagt, als Trump über Nordkorea gesprochen hat, das sei Kriegshetze. Aber jetzt sehen wir, dass die zwei koreanischen Spitzenpolitiker zusammengekommen sind.

In der vergangenen Woche wurden von Syrien Raketen auf die Golanhöhen abgefeuert, Israel hat daraufhin iranische Militärziele in Syrien angegriffen. Ist die Kriegsgefahr in der Region dadurch noch einmal gestiegen?

Nein, denn diesen Krieg gibt es ja schon. In und aus Syrien sind ja schon Millionen geflüchtet. Die Amerikaner haben nichts getan und die Kurden im Stich gelassen. In Libanon hat die Hisbollah, eine Terrororganisation, jetzt mit ihren Verbündeten die Mehrheit im Parlament. Und in Gaza graben Leute Tunnel, um Terror gegen Israel zu machen. Daran hat sich nichts geändert.

Können Sie Palästinenser verstehen, die auch einen eigenen Staat wollen?

Ja, diesen Wunsch kann ich gut verstehen. Aber was hat denn die palästinensische Führung getan, als es möglich war, einen Staat zu haben? Es gab Verhandlungen mit Jitzchak Rabin, mit Ehud Barak, da war man bereit, weitgehende Kompromisse zu schließen. Aber im letzten Moment haben die Palästinenserführer "Nein" gesagt.

70 Jahre Staat Israel - ist das aus Ihrer Sicht eine Erfolgsgeschichte?

Ja. Ich sage, das Glas ist drei Viertel voll, und ein Viertel leer. Heute lebt die Hälfte aller Juden in Israel. Wenn die UN heute für den Human Development Report eine Umfrage macht, dann ist Israel unter den ersten 20 Ländern. Zur Erfolgsgeschichte gehört für mich auch, dass sich das Land gegen mörderische Nachbarn gewehrt hat. Und dass sich eine ehemals tote Sprache - Hebräisch, die Sprache der Bibel - wieder etabliert hat. Und dass es dort großartige Kultur gibt, Oper, fantastische Musik und Schriftsteller wie David Grossman und Amos Oz. Wie gesagt, Israel ist nicht perfekt, aber eine Erfolgsgeschichte.

© SZ.de/mati/liv/cat
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