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Zeitzeuge über Staatsgründung 1949:"Israel ist nicht perfekt, aber eine Erfolgsgeschichte"

Israelis feiern den 70. Unabhängigkeitstag am Strand von Tel Aviv

(Foto: AFP)

Als der jüdische Staat am 14. Mai 1948 gegründet wurde, kämpfte der Österreicher Karl Pfeifer als Elitesoldat. Ein Gespräch über Israel-Kritik, Überlebenskämpfe und Trumps Aufkündigung des Atomdeals mit Iran.

Der Journalist Karl Pfeifer ist 1943 vor den Nazis nach Palästina geflohen. Als 20-Jähriger kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg in einer Eliteeinheit für die Errichtung des Staates Israel. 2013 hat er das Buch "Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg" veröffentlicht. Der heute 89-Jährige lebt in Wien.

SZ: Herr Pfeifer, wie haben Sie den 14. Mai 1948 erlebt?

Karl Pfeifer: Ich war im Negev, im südlichen Teil des heutigen Israels. Ich war Soldat im zweiten Regiment des Palmach, einer israelischen Eliteeinheit. Wir waren 800 Soldaten und Soldatinnen und bald darauf umzingelt von Ägyptern. Am 14. Mai hielt unser Regimentskommandeur eine kurze Ansprache, die Fahne wurde gehisst, und das war's dann. Am nächsten Tag haben die Ägypter Flugblätter auf Hebräisch abgeworfen und uns aufgefordert, uns zu ergeben. Nach kurzer Zeit haben sie uns dann bombardiert. Ein paar Monate später waren wir nur noch 122, die unverletzt und am Leben waren.

Schon am Tag der Staatsgründung stand ein Krieg Israels mit den arabischen Nachbarn unmittelbar bevor.

Es gab schon vorher einen Bürgerkrieg: Am 29. November 1947 hatte die UN-Generalversammlung den Teilungsbeschluss gefasst. Am Morgen danach wurden sechs jüdische Passagiere in einem Bus ermordet. Das war der Beginn des Bürgerkrieges zwischen Arabern und Juden. Er hat bis zum 15. Mai 1948 gedauert, als dann die Ägypter, Iraker, Syrer, Libanesen, Jordanier die jüdischen Ortschaften angegriffen haben.

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Haben Sie von der Staatsgründung durch David Ben-Gurion, dem späteren israelischen Ministerpräsidenten, etwas mitbekommen?

Nein, wir waren schon im Kriegszustand. Um die Verbindung mit dem Norden, mit Tel Aviv zu halten, mussten wir durch arabische Dörfer. Schon ab April konnten wir da nicht mehr durchfahren, wir waren wie abgeschnitten.

Wie kamen Sie zu der jüdischen Eliteeinheit Palmach?

Ich bin 1943 mit einer Jugendgruppe aus Ungarn mit dem Zug nach Palästina gekommen. Wir lebten in einem Kibbuz, einer Kollektivsiedlung auf dem Land, wo wir den halben Tag gelernt und den anderen halben Tag in der Landwirtschaft gearbeitet haben. 1946, ich war 18 Jahre alt, hat man uns vor die Wahl gestellt, was wir machen wollen: An die libanesische Grenze in einen Kibbuz zu gehen, in dem nur junge Leute sind. Oder in dem Kibbuz, in dem wir erzogen wurden, zu bleiben. Meine Jugendgruppe hat aber demokratisch etwas Drittes beschlossen: Nämlich ins illegale Militär zu Palmach zu gehen.

Karl Pfeifer

(Foto: privat)

Wofür haben Sie beim Palmach gekämpft?

Wir wollten einen jüdischen Staat, der allen Juden offen steht und Schutz bietet. Sie müssen sich vorstellen: In Polen, der Slowakei und in Ungarn gab es auch nach 1945 noch Pogrome. Ungefähr 200 000 bis 300 000 überlebende Juden flüchteten in den Westen. Sie wollten nach Palästina, doch die Briten haben das nicht gestattet. Und andere Länder waren nicht bereit, Juden aufzunehmen.

Welche Ideen gab es damals, wie ein solcher jüdischer Staat aussehen könnte?

In dem linkssozialistischen Kibbuz, aus dem ich kam, dachte man, es könnte einen gemeinsamen Staat mit den Arabern geben. Aber das war ein einseitiger Wunsch, weil die andere Seite wollte nicht in Frieden mit uns leben. Der Sekretär der Arabischen Liga, Azzam Pacha, lehnte im September 1947 das Angebot ab, dass die Juden bei der Entwicklung der arabischen Staaten helfen könnten. Er sagte: "Für uns gibt es nur einen Test, den Test der Stärke. Auf alle Fälle wird das Problem voraussichtlich nur durch die Stärke der Waffen gelöst."

Auf der jüdischen Seite gab es eine Gesellschaft, die demokratische Institutionen hatte. Es gab Parteien, es gab Wahlen, schon unter den Briten. Es gab eigene Schulen. Es war eine Gesellschaft, die so organisiert war, dass mit der Staatsgründung bereits alles vorhanden war, beginnend mit dem Militär. Auf der arabischen Seite gab es eine halbfeudale Gesellschaft. Das passte einfach nicht zusammen.