Staatsbesuch des Bundespräsidenten Gaucks Balsam für die wunde Schweizer Seele

Bundespräsident Joachim Gauck fand im Schweizer Fernsehen lobende Worte für das Nachbarland.

(Foto: AFP)

Im Rest Europas rangiert das Image der Schweiz zuweilen hinter Putins Russland. Viele verstehen nicht, wieso die Eidgenossen mehr Zuwanderung ablehnen und zugleich das Bankgeheimnis verteidigen. Dass Bundespräsident Gauck vor seinem Besuch die Schweiz als "kleines und frühes Europa" lobt, kommt gut an.

Von Wolfgang Koydl, Zürich

Manchen Ausländern leisten sie händereibend Beihilfe zum Steuerbetrug, doch anderen Fremden würden sie am liebsten den Stuhl vor die Tür setzen. Sie stimmen gegen Abzocker in Nadelstreifen, aber arglose Touristen zocken sie selber schamlos ab. In der europäischen Öffentlichkeit, so scheint es, rangiert das Image der Schweiz zuweilen gleich hinter jenem von Wladimir Putins Russland.

Vor allem deutsche Politiker zeichnen sich immer wieder durch gezielte Seitenhiebe aus. An die Stelle von "Peitschen-Peer" Steinbrück, der einst die Kavallerie über den Bodensee schicken wollte, ist SPD-Vize Ralf Stegner als Berliner Buhmann getreten. "Die spinnen, die Schweizer", twitterte er kurz und bündig, als das Nachbarland Anfang Februar Kontrollen für die Zuwanderung beschloss. Ein Sentiment, mit dem er wohl nicht alleine steht.

Gaucks ostdeutsche Herkunft spricht für ihn

Es ist also Balsam auf wunde Schweizer Seelen, dass nun ein Gast aus Deutschland kommt, der für Verständnis und Versöhnung und nicht für kesse Sprüche bekannt ist: An diesem Dienstag und Mittwoch besucht Bundespräsident Joachim Gauck Bern und Genf.

Positiv wurde von den Schweizern vermerkt, dass nur drei Jahre seit der letzten Visite eines Bundespräsidenten verstrichen sind: 2010 war Christian Wulff hier gewesen.

Gauck genießt Sympathien in der Eidgenossenschaft. Zunächst einmal spricht seine ostdeutsche Herkunft für ihn. Denn mit den bescheidener auftretenden ehemaligen DDR-Bürgern kamen die Schweizer schon immer besser klar als mit den oft als überheblich empfundenen Wessis.

Zudem führte sich Gauck bei seinen Gastgebern auf angenehm unaufdringliche Weise ein: Nicht mit einem üblichen kurzen Polit-Interview in der Tagesschau, sondern mit einem nachdenklichen Ein-Stunden-Gespräch in der populären Fernsehreihe "Sternstunde Philosophie".

Darin wog der Deutsche Lob und Tadel wohldosiert gegeneinander ab: Sowohl persönlich als auch als "politisch einigermaßen wacher Europäer" sei er zwar "traurig" gewesen über das Zuwanderungsvotum im vergangenen Monat. Zugleich empfahl er aber die Schweiz als demokratisches Vorbild: Sie sei "ein frühes und kleines Europa", geradezu "ein Geschenk" und ein "Kulturgut" mit ihrer Fähigkeit, verschiedene Sprachen, Religionen und Traditionen innerhalb der eigenen Grenzen miteinander zu verbinden.

Die Schweiz ist vielen ein Rätsel

Auf das Schweizer System der unmittelbaren Mitbestimmung über die direkte Demokratie wollte Gauck den Vorbildcharakter der Schweiz indes doch nicht ausweiten - durchaus im Sinne vieler anderer europäischer Politiker, denen zu viel Bürgerwille suspekt ist. Dieses Politikmodell sei zwar "reizvoll", meinte der Bundespräsident. Für große Länder und für große Themen aber sei es leider ungeeignet.

Vielen Europäern erscheinen die Schweizer mit ihren merkwürdigen Entscheidungen als Rätsel. "Fast konstitutives Nicht-Wissen" bescheinigt der Schweiz-Kritiker Jean Ziegler selbst den Nachbarländern. Er muss es wissen: Einst erklärte er den Franzosen vor dem Staatsbesuch von François Mitterrand sein Land: "Umsonst. Mitterrand reiste in die Schweiz wie auf einen fernen Planeten." Bleibt die Hoffnung, dass es für Gauck wenigstens eine Fahrt auf einen nahen Planeten sein wird.