Spionage der NSA:Des Mossads Meister

Lesezeit: 2 min

Neuen Snowden-Enthüllungen zufolge hat die NSA israelische Spitzenpolitiker ausspioniert. Doch in Jerusalem reagiert man gelassen - die Israelis verzichten offensichtlich auf die Scheinheiligkeit, anderen etwas vorzuwerfen, das sie selbst bestens beherrschen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Freundschaften zeichnen sich in der Welt der Politik auch dadurch aus, dass man einander zuhört - und kaum einer weiß das besser als die Israelis. Ihr Auslandsgeheimdienst Mossad steht nicht nur bei Feinden, sondern auch bei Verbündeten im Ruf, vieles abzuschöpfen und immer bestens informiert zu sein. Es gilt die Regel, dass Vertrauen gut, aber Kontrolle nötig ist.

Doch selbst der Mossad scheint seinen Meister gefunden zu haben in der amerikanischen Sicherheitsbehörde NSA. Jüngsten Enthüllungen von Edward Snowden zufolge hat der Washingtoner Krake auch hochrangige israelische Politiker bespitzelt. Und offenbar sind die Amerikaner bei ihrem Premium-Partner besonders gründlich zu Werke gegangen.

Angezapft wurden demnach zumindest im Frühjahr 2009 die E-Mails der beiden mächtigen Männer im Land, also von Premier Ehud Olmert und Verteidigungsminister Ehud Barak. Obendrein gibt es Hinweise darauf, dass Baraks Privatwohnung in Tel Aviv von einem gegenüberliegenden Appartement aus, das von der US-Botschaft angemietet worden war, ausgespäht wurde.

Doch während in Deutschland die Wellen hochschlugen, als die Abhörattacke der NSA auf das Handy von Angela Merkel ruchbar wurde, spielen die Beteiligten in Israel den Fall herunter. Olmert lässt wissen, dass über das betreffende Mail-Konto ohnehin nichts Wichtiges verbreitet worden sei, Barak ist das Ganze nicht einmal einen Kommentar wert, und auch der aktuelle Premier Benjamin Netanjahu schweigt eisern.

Israel hofft auf die Begleichung einer alten Rechnung

Für die Jerusalemer Zurückhaltung gibt es gleich eine Vielzahl guter Gründe. Der erste ist, dass die Israelis wohl souverän auf die Scheinheiligkeit verzichten, anderen etwas vorzuhalten, was sie selbst praktizieren. Zweitens gehört der jüdische Staat offenbar nicht nur zu den Opfern, sondern auch zu den Profiteuren der NSA-Umtriebe. Im Herbst erst hatte Snowden enthüllt, dass die Amerikaner den Israelis in großem Stil sogenannte Rohdaten aus ihren Abhöraktivitäten zur Verfügung stellten. Und zum dritten bietet dieser Fall einen Hebel, um vielleicht eine alte Rechnung zu begleichen.

Es geht dabei um den amerikanischen Juden Jonathan Pollard, der wegen Spionage für Israel seit fast 30 Jahren in einem US-Gefängnis sitzt. Als Angestellter beim Geheimdienst der Marine hatte er dem Mossad zugearbeitet und war dafür zu lebenslanger Haft verurteilt worden. In Israel genießt Pollard Heldenstatus, und kaum eine Woche vergeht ohne eine Petition für seine Freilassung. Nun erscheint vielen die Gelegenheit günstig: Netanjahu erinnerte zu Wochenbeginn an Pollards Schicksal, ohne dabei allerdings auf die aktuellen Dinge einzugehen. Sein Transportminister Israel Katz aber wetterte: "Die USA spionieren systematisch unsere Regierungsspitze aus, und Pollard wird für weit weniger festgehalten."

Es ist aber kaum zu erwarten, dass Washington nun nachgibt. Pollard soll die Israelis daran erinnern, welchen Preis die Spionage hat. Denn bis heute stehen die engsten Verbündeten in den USA unter Generalverdacht. In einem von Snowdens Dokumenten, aus dem unlängst der Guardian zitierte, heißt es: "Eine der größten Bedrohungen der NSA kommt tatsächlich von befreundeten Geheimdiensten wie dem Israels."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema