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SPD-Regionalkonferenz:Sozialdemokraten auf Ochsentour

Olaf Scholz und Klara Geywitz auf der SPD-Regionalkonferenz in Saarbrücken

Kandidaten in Wartestellung: Klara Geywitz, Landtagsabgeordnete in Brandenburg, Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Gesine Schwan, die Chefin der SPD-Grundwertekommission in der Saarbrücker Kongresshalle.

(Foto: Oliver Dietze/dpa)
  • Mit Aufrufen zu mehr sozialer Gerechtigkeit und höherer Glaubwürdigkeit sind die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz ins Rennen gegangen.
  • Bei ihrer ersten gemeinsamen Vorstellung am Mittwoch in Saarbrücken traten aber auch Differenzen zutage.
  • Für eine Überraschung sorgte das Kandidatenduo Simone Lange und Alexander Ahrens: Es zog zum Start der Deutschlandtour der Kandidaten zurück.

Es dauert nur eine halbe Stunde, da hat die erste von 23 Regionalkonferenzen der SPD, auf der eine neue Parteispitze gefunden werden soll, schon ihre erste kleine Sensation. Das erste Bewerberteam gibt auf: Oben auf der Bühne der Kongresshalle in Saarbrücken stehen Simone Lange und Alexander Ahrens, die Oberbürgermeister aus Flensburg und Bautzen. Sie sollen eigentlich erklären, warum sie an die Parteispitze wollen. Aber das wollen sie nicht mehr.

Sie machen etwas anderes. Lange nutzt ihre Redezeit für einen Coup. Sie und Ahrens wollen ein anderes Bewerberteam unterstützen. Sie schlagen sich auf die Seite des früheren Finanzministers aus Nordrhein-Westfalen, Norbert Walter-Borjans und der Digitalpolitikerin Saskia Esken. Die beiden fahren in diesen Minuten sozusagen einen leistungslosen Zuschlag ein.

Geht das in Ordnung? Seit Mittwoch, 18 Uhr ist offiziell Wahlkampf in der SPD. Und der Abend zeigt, für Überraschungen ist die SPD auch mit zwölf oder 15 Prozent in den Umfragen noch gut.

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Flensburgs Oberbürgermeisterin Lange und der Bautzener OB Ahrens wollen stattdessen den Ex-Finanzminister von NRW, Norbert Walter-Borjans, und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken unterstützen.

15 Kandidaten werden noch 22 Städte bereisen

Jetzt hat sie angefangen, die "Tour", wie sie in der SPD sagen. Nicht mehr acht, sondern nur noch sieben Bewerber-Teams und ein Einzelkämpfer wollen an die Parteispitze. Ohne Ahrens und Lange, die weiterhin zu den Konferenzen kommen wollen, sind das 15 Kandidaten, darunter bekannte und weniger bekannte. Noch 22 Städte werden sie bereisen. Große wie Berlin. Kleine wie Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz. Am Startpunkt für die Regionalkonferenzen in Saarbrücken, bei denen sich die Bewerber zum ersten Mal der Basis vorstellen, hat sich am Mittwoch mit dem Team Walter-Borjans/Esken ein Pärchen aussichtsreich nach vorne geschoben.

Der Tag meinte es ohnehin schon gut mit den beiden: Walter-Borjans, 66, und seine Partnerin, 58, hatten im Losverfahren Glück - sie durften sich den etwa 600 Gästen als erste vorstellen. Das stellten sie geschickt an. Man merkt, wie akribisch sie die fünf Minuten, die jedem Team zustehen, durchgeplant haben müssen. Es geht schon damit los, dass Walter-Borjans, der sich mit dem Ankauf von Steuer-CDs und als Steuersünder-Jäger einen Namen gemacht hat, seiner unbekannteren Partnerin den Vortritt lässt. Sie stellt dann ihn vor: "Wie kein anderer steht er für Steuergerechtigkeit", sagt sie. Danach spricht er über sie: In ihrem Protest gegen Uploadfilter sei sie standhaft geblieben. Sie wollen, sollten sie SPD-Chefs werden, ein Jahrzehnt der kommunalen Investitionen ausrufen. Sie wollen - und da beziehen sie sich auf einen Ausspruch von Johannes Rau, Politik machen für Menschen, die Solidarität bräuchten und für solche, die Solidarität zu geben bereit seien. Das kommt an bei den Mitgliedern. Der Applaus fällt ordentlich aus. Ihr Aufschlag sitzt.

Schon vor dieser Regionalkonferenz hatte sich Juso-Chef Kevin Kühnert für dieses Duo an der Parteispitze ausgesprochen. Der Landesvorstand der NRW-SPD, dem mitgliederstärksten Landesverband, nominierte die beiden am vergangenen Freitag einstimmig - mit so viel Rückwind ist kein anderes Team im Wettbewerb unterwegs.

Der Abend in Saarbrücken zeigt, dass die SPD immer noch für Überraschungen gut ist

Ein anderer, der bislang als Favorit gehandelt wird, dürfte staunen, was da gerade um ihn herum passiert: Olaf Scholz, 61, Vizekanzler und Finanzminister. Er tritt mit der brandenburgischen Landespolitikerin Klara Geywitz, 43, an. Sie waren noch gar nicht an der Reihe, sich vorzustellen, als Lange und Ahrens zugunsten von Walter-Borjans und Esken verzichteten. Er weiß jetzt, hier hat er wirklich harte Konkurrenz bekommen. Über Walter-Borjans erzählen sie sich in der Partei, er wolle jetzt unbedingt gewinnen. Auf den letzten Metern der Bewerbungsfrist war er erst ins Rennen eingestiegen. Aber er ist schon voll im Wahlkampfmodus.

Scholz hat Mühe, in den Wettbewerb zu finden. Das zeigte sich schon am Nachmittag. Alle Kandidaten, die sich für den SPD-Vorsitz bewerben, sollten sich auf einem kreisrunden roten Teppich versammeln. Es sah ein bisschen aus wie in einer Manege, und es ging in der nächsten halben Stunde auch so zu. Bitte nach vorn schauen! Bitte leicht nach links drehen! Wie Attraktionen wurden die Teams und der eine Solist der Presse zugeführt. Alle machten mit. Nur Scholz hat sich verkrümelt, war anfangs auf den Fotos nicht zu sehen. Wartet er darauf, dass ihn jemand fragt, ob er aufs Foto will? Es ist Scholz' Teampartnerin Geywitz, die ihn schließlich ins Bild rückt. Scholz fügte sich etwas ungelenk in sein Schicksal. Selbst für einen Politikprofi wie ihn ist neu, was sich seine SPD gerade erlaubt. Er setzt im Wahlkampf voll auf sich. Ihr könnt Scholz haben, so wie er ist. Das ist seine Botschaft. Auch auf der Bühne. Scholz gibt das menschgewordene Grundsatzprogramm der SPD. Er sagt, er könne es nicht ertragen, wenn Leute im Restaurant keine Achtung vor jenen hätten, die ihnen den Kaffee bringen. Und er will mit seiner SPD den Leuten die Angst vor der Zukunft, vor dem Wandel nehmen.

Jeder der Kandidaten macht längst Wahlkampf für sich. Aber Scholz tut sich schwer

Im Publikum hat er seine Fürsprecher - und Gegner. Es meldet sich ein Sozialdemokrat, 48 Jahre Parteimitglied. "Olaf", beginnt er, wie könne er jemandem erklären, dass einer wie Scholz, der die Partei mit "in dieses Tal der Tränen" geführt hat, "zukünftig für Glaubwürdigkeit und soziale Gerechtigkeit in der SPD steht". Das sitzt. Scholz bedankt sich für die "klare Ansprache". Er fühle sich aber nicht gemeint, sagt er. Er habe sich als Arbeits- und Sozialrechtler für den Sozialstaat eingesetzt, als Politiker für Mindestlöhne und für Kurzarbeitergeld in der Krise. "Ich bin der Meinung, dass ich ein echter, truly Sozialdemokrat bin", verteidigt er sich.

Es wird dann ein munterer, auch kontroverser Abend. Boris Pistorius und Petra Köpping - er Innenminister in Niedersachsen, sie Integrationsministerin in Sachsen - versprechen zum Tour-Start ein milliardenschweres Investitionsprogramm und rütteln an der schwarzen Null. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat den Team-Gedanken noch nicht ganz verinnerlicht: Seine Partnerin Nina Scheer darf erstmal lange ihm beim Reden zuhören und muss sich dann kürzer fassen. Karl-Heinz Brunner, 66, und Bundestagsabgeordneter aus Bayern, ist der einzige, der ohne Partner antritt. Er sieht sich als "Wolf im Wald", will wieder mehr Freude in die SPD zurückbringen und bekommt - so hört es sich an - irgendwie auch nur den halben Applaus aus dem Publikum.

Fast sechs Wochen Tour liegen jetzt vor den Bewerbern. Wer auch immer auf dem Parteitag Anfang Dezember an die Spitze gewählt wird: Diese Personen haben bewiesen, dass sie viel aushalten. Geschenkt bekommen sie auch danach nichts.

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