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Spanien:Fast wie ein Original

Sein Vater war ein katalanischer Maler, der Spanien mit Familie zu Zeiten der Franco-Diktatur verließ: Nun will Manuel Valls Bürgermeister seiner Geburtsstadt Barcelona werden.

(Foto: Josep Lago/AFP)

Was in Europa möglich ist: Der frühere französische Premier und gebürtige Katalane Manuel Valls will Bürgermeister Barcelonas werden.

Der ehemalige französische Premierminister sitzt an einem runden Eichenholztisch in seinem Büro am Passeig de Gracia, Barcelonas Einkaufstraße. Manuel Valls hat das Sakko abgelegt, den ersten Knopf seines weißen Hemdes aufgeknöpft, die Hände kneten eine Büroklammer. Er hat Frankreich den Rücken gekehrt: "Meine politische Karriere dort ist vorbei", sagt er. Valls will jetzt Bürgermeister werden, nicht in Frankreich, sondern in seiner Geburtsstadt Barcelona. Am 26. Mai, dem Tag der Europawahl, wird die Stadtspitze gewählt.

Die Kandidatur von Valls wirkt ein bisschen wie ein Beweis dafür, was in Europa möglich ist: Ein früherer französischer Premier als Bürgermeisterkandidat in Barcelona? Warum nicht? Und er ist nicht der einzige: Der aus Köln stammende Unternehmer Karl Jacobi kandidiert in Barcelona auf der Liste "Bürgerliche Kraft". In der Region Valencia tritt die frühere bayerische Grüne Barbara Hoffmann für den Gemeinderat von Villajoyosa an.

Letzten Sommer zog Manuel Valls in die katalanische Hauptstadt. Von seinem Abgeordnetenmandat in Frankreich trat er zurück. Er war dort nur mehr ein Hinterbänkler, von wenigen geachtet. Doch ein Manuel Valls lässt sich nicht abservieren. Er bezeichnet sich als beharrlichen Menschen. Diese Eigenschaft teilt er mit seinem Vorbild Georges Clémenceau, dem französischen Regierungschef im Ersten Weltkrieg.

Leicht hat er es nicht. Im traditionell linken Barcelona regiert erfolgreich die frühere Aktivistin Ada Colau, die von der Linkspartei Podemos unterstützt wird. Valls tritt als unabhängiger Kandidat für die rechtsliberalen Ciutadans an, die in Katalonien stärkste Partei sind. Für eine Mehrheit im Stadtparlament würde er aber Partner brauchen. Und die anderen Parteien haben eine Koalition mit den antiseparatistischen Ciutadans schon abgesagt. Valls steht für Law and Order: Mehr Polizisten und eine bessere Ausstattung will er. Außerdem will Valls 10 000 Sozialwohnungen bauen und das Vertrauen der Unternehmer zurückgewinnen. "Ich denke, die Menschen wollen einen Wechsel. Und ich bin mit meiner Erfahrung und meinen Leadershipqualitäten der einzige, der diesen verkörpern kann", glaubt Valls.

Mangelndes Selbstvertrauen war noch nie sein Problem. Früh engagierte er sich für die französischen Sozialisten. Unter François Hollande stieg Valls ins Kabinett auf. Erst wurde er Innen-, dann Premierminister. Er ist Pragmatiker, wirkte in Konflikten aber selten deeskalierend, zündelte lieber. Nach den blutigen Anschlägen in Paris erklärte er dem Terrorismus den Krieg. Parteifreunde nannten ihn einen "Neokonservativen". Ende 2016 nahm er bei den Vorwahlen seiner Partei teil, um Präsident zu werden. Er fiel durch, dem Sieger Benoît Hamon in den Rücken und flog wegen Unkollegialität aus der Partei. Valls wurde ausgebuht, geohrfeigt und mit Mehl beworfen. "Man muss damit klarkommen, unpopulär zu sein", sagt Valls über diese Zeit. Vielleicht arrangierte er sich tatsächlich irgendwann damit, unbeliebt zu sein - nicht aber mit der Bedeutungslosigkeit.

Als im Herbst 2017 das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien abgehalten wurde, war Valls plötzlich gefragt. Er betonte die Einheit Spaniens. In Frankreich, sagt Valls, sei er Republikaner. In Spanien aber Anhänger des Königshauses. Beide hätten sich um die Demokratie verdient gemacht. Und er werde die Demokratie verteidigen, gegen Terroristen, Populisten, Separatisten. Die Konkurrenz belächelte die Kandidatur. Separatistenführer Carles Puigdemont sagte, Valls kenne Barcelona doch gar nicht. Für Valls eine Steilvorlage: "Diese Menschen, die sich Progressisten nennen, wollen die ganze Welt in Barcelona aufnehmen. Aber wenn einer, der hier geboren ist, Bürgermeister werden möchte, sagen sie, der könne das nicht. Puigdemont ist abgehauen, weil er der Justiz entkommen wollte. Ich bin hier."

Valls' Vater, ein katalanischer Maler, verließ Spanien mit Familie zu Zeiten der Franco-Diktatur. Zuhause habe er immer Katalanisch gesprochen, erzählt Valls. Auf Marktplätzen und bei Podiumsdiskussionen, so sagen auch Gegner, spreche er die Sprache "fast wie ein Original".

Valls aber wäre nicht Valls, wenn alles glatt laufen würde. In einem Fernsehinterview musste er eingestehen, dass er keine Ahnung habe, wie viel ein U-Bahn-Ticket koste. In einem Wahlspot trat eine junge Frau auf, bei der sich später herausstellte, dass sie eine Rechtsextreme war. Im März nahm Valls an einer Großdemo gegen Spaniens sozialistischen Premier Pedro Sánchez teil, zu der auch Rechte aufgerufen hatten. Valls verteidigt sich, diese seien nur eine Minderheit gewesen: "Diejenigen, die mit Rassismus angefangen haben, sind doch die Separatisten." Sie hätten Spanier als "wilde Tiere" beschimpft. Dieses "identitäre Gerede" und die "Rückkehr zur Sippschaft" bekämpfe er.

Sein Lebensmittelpunkt liege in Barcelona, sagt Valls. Selbst im Falle einer Niederlage würde er bleiben. Ob er vielleicht doch irgendwann in Frankreich politisch neu anfangen wolle? Zum ersten Mal lacht er. "Nein", sagt Valls, "ich bin nicht der Graf von Monte Cristo".

Keinerlei Chancen auf den Sessel des Oberbürgermeisters in Barcelona hat der aus Köln stammende Unternehmer Karl Jacobi, der seit fast vier Jahrzehnten in der Region lebt und sich mit Agenturen für digitales Marketing etabliert hat. Der 71-jährige beklagt, dass seine Liste "Bürgerliche Kraft" von den Fernsehkanälen boykottiert werde. Jacobi wurde Anfang des Jahres im politischen Barcelona schlagartig bekannt, nachdem er auf einer Veranstaltung des traditionsreichen und einflussreichen Kreises deutschsprachiger Führungskräfte dem katalanischen Parlamentspräsidenten Roger Torrent heftig widersprochen hatte. Torrent gehört den Linksrepublikanern an, die die Abspaltung der Region Katalonien vom Königreich Spanien anstreben.

Jacobi warf vor Torrent vor, den wirtschaftlichen Ruin des Mittelstandes in Kauf zu nehmen, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung der Region keineswegs die Trennung von Spanien befürworte. Das verbreitete sich in sozialen Medien rasant. Jacobis Motto lautet: digital und grün. Um das Wohnungsproblem der katalanischen Metropole zu lösen, schlägt er die Aufschüttung von neun künstlichen Inseln im Mittelmeer vor der Stadt vor, nach dem Vorbild der Palmeninsel vor Dubai. Jede Insel soll die Form eines Buchstabens haben, zusammen ergäben sie den Namen Barcelona.

Deutlich größer sind die Chancen von Barbara Hoffmann, einst Landesvorsitzende der Grünen in Bayern, bei den Kommunalwahlen am Sonntag ein Mandat in Villajoyosa in der Region Valencia zu erringen. Sie kandidiert auf der Liste des linksalternativen Bündnisses Compromis. Die Positionen sind klassisch grün: Sie wollen auf Nachhaltigkeit abzielende Umweltpolitik, Förderung von Minderheiten, Transparenz. Hoffmann weiß, dass wenig politischer Spielraum bleibt, denn die Kassen sind leer. Die Region Valencia war lange Hochburg der konservativen Volkspartei (PP), die jedoch schon bei der letzten Kommunalwahl für ihre alles durchdringenden korrupten Strukturen abgestraft wurde.

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