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Sieben Fakten über den Dreißigjährigen Krieg:"Ein jämmerlich Zetergeschrei durch Massacrieren, Plündern und Geldherausmartern"

4. Für Gott und die eigene Macht: Wechselnde Bündnisse

Im Jahr 1640 wagt der bayerische Kurfürst Maximilian I. das Unvorstellbare: Der Bayer, der wichtigste Verbündete des katholischen Kaisers in Wien, will das Bündnis wechseln. Maximilian I. will nun auf der Seite Frankreichs kämpfen, das mit dem protestantischen Schweden verbündet ist und bis zu diesem Zeitpunkt der Hauptgegner Bayerns ist. Maximilians Bündniswechsel gelingt letztlich nicht. Am wankelmütigen bayerischen Kurfürsten zeigt sich aber, wie die Hoffnung auf Gebietsgewinne althergebrachte und konfessionelle Bündnisse überlagert. Für Maximilian I. zählt in erster Linie, dass er selbst Kurfürst bleibt und die Oberpfalz dauerhafter Teil seines Territoriums.

Den Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg I., treibt dagegen die Angst vor eigenen Gebietsverlusten gleich zu mehreren Bündniswechseln. 1630 überrollt Gustav II. Adolf von Schweden das Reich. Dem protestantischen Schwedenkönig gelingt es mit Hilfe des protestantischen Kurfürsten von Sachsen, innerhalb eines Jahres weite Teile Deutschlands unter seine Kontrolle zu bringen. Der Kurfürst unterstützte zuvor den Kaiser, und nur zwei Jahre später kämpft Johann Georg I. auch wieder auf der Seite des Habsburgers gegen die Schweden. Die Furcht vor dem kaiserlichen General Tilly hatte ihn zwischenzeitlich in die Arme Gustav Adolfs getrieben. In den darauffolgenden Jahren verbündet sich von 1634 an das von den Habsburgern geschlagene Schweden mit dem katholischen Frankreich. Das neue protestantisch-katholische Bündnis zielt auf das europäische Mächtegleichgewicht: Beide wollen verhindern, dass der Kaiser in Wien seine Macht weiter ausbaut.

Tilly in Magdeburg, 1631

Johann T'Serclaes von Tilly reitet über die Trümmer der 1631 belagerten und eingenommenen Stadt Magdeburg.

(Foto: SZ Photo)

5. Krieg der Bilder und Symbole

Es ist eines der schlimmsten Massaker im Dreißigjährigen Krieg: Bei der Eroberung der protestantischen Stadt Magdeburg am 20. Mai 1631 durch die Truppen des kaiserlichen Feldherrn Tilly sterben 20 000 der 35 000 Stadtbewohner. Noch Jahrhunderte später spricht man in Deutschland von "magdeburgisieren", wenn man "völlig zerstören" meint. Dass sich die Magdeburger Ereignisse so tief in die Erinnerung einbrennen, daran haben die Bilder und Symbole, die von der Erstürmung berichten, großen Anteil. Ein kaiserliches Flugblatt aus dem Jahr des Geschehens bezieht sich auf das Massaker unter der zynischen Überschrift, wie "Herrn General Grafen von Tilly die alte Jungfrau zu Magdeburg verheiratet worden" sei. Die Zeichnung darunter zeigt die Stadt Magdeburg als junges Mädchen im Brautkleid, den siegreichen Feldherrn Tilly als Bräutigam. König Gustav Adolf von Schweden, der die Stadt nicht vor der Eroberung beschützte, wird auf dem Flugblatt zum grausamen Brautvater, der dem siegreichen Feldherrn Tilly seine Tochter übergibt.

Die Katholiken, die seit Jahrhunderten Marienstatuen und Heiligenbilder verehrten, sind mit Bildern und Symbolen vertraut. Aber auch auf protestantischer Seite erkennen Feldherrn die Bedeutung von Symbolen, um die eigenen Soldaten zu motivieren und Gegner zu demoralisieren. Der Schwedenkönig Gustav Adolf wird zum heilbringenden "Löwen aus Mitternacht", sein Eroberungszug zur biblischen Mission. Denn im Alten Testament vernichtet der Löwe die sündige Stadt Babylon, ein bei Protestanten im 17. Jahrhundert gängiges Bild für die katholische Kirche. Der protestantische Heerführer Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel lässt auf den Fahnen seines Heeres die Aufschrift "Alle für Gott und für Sie" anbringen. Mit "Sie" war bei dem protestantischen Heerführer nicht die bei Katholiken so beliebte Jungfrau Maria, sondern wohl die von ihm verehrte Frau des aus Böhmen vertriebenen "Winterkönigs" Friedrich von der Pfalz gemeint. Elisabeth wird in der Propaganda zur deutschen Freiheitsheldin. Die Soldaten des Braunschweigers sollen dafür kämpfen, dass sie in Prag als Königin einziehen kann.

6. Taschengeld für die Plünderer: Mitgefühl unter Feinden

Plündernde Söldner haben großen Anteil daran, dass der Dreißigjährige Krieg den Zeitgenossen so erbarmungslos erscheint. Ist eine Stadt in die Hände der Eroberer gefallen, ziehen feindliche Horden durch die Gassen und halten nach Beute Ausschau. Viele Häuser werden drei-, vier- oder fünfmal von Söldnerbanden geplündert, bis der letzte Silberlöffel aufgespürt ist. Vermuten die Plünderer, dass die Stadtbewohner Vermögen vor ihnen verstecken, werden diese oftmals gefoltert. Als Heidelberg von katholischen Söldnern eingenommen wird, erhebt sich, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, "ein jämmerlich Zetergeschrei durch Massacrieren, Plündern und Geldherausmartern mit Däumeln, Knebeln, Prügeln, Peinigen, Nägelbohren, Sengen an heimlichen Orten, Aufhenken, Brennen an den Fußsohlen, mit Schänd- und Wegführung der Frauen und Jungfrauen" .

Bei allen diesen Grausamkeiten gibt es aber auch Szenen, in denen sich zeigt, dass so mancher Söldner Mitleid mit der besiegten Bevölkerung empfindet. Der damals erst zwölfjährige Magdeburger Johann Daniel Friese berichtet in seinen Erinnerungen von einer solchen Szene bei der Plünderung seiner Heimatstadt. Als ein katholischer Söldner mit einem Spitzhammer auf seinen Vater losgeht, plappert dessen jüngster Sohn, der noch ein Kind ist, auf den Söldner los: "Ach lasst doch nur den Vater leben; ich will Euch gern meinen Dreier geben, den ich am Sonntag bekomme." Der Soldat ist von dem Angebot des Kleinkindes, ihm sein Taschengeld - den Dreier - zu geben, gerührt und verhilft der Familie gegen Lösegeld zur Flucht aus dem brennenden Magdeburg.

Plünderung der Stadt Magdeburg, 1631

Zeitgenössischer Stich der Stadt Magdeburg von Matthäus Merian

(Foto: SZ Photo)

7. Rechte für Minderheiten: Ohne religiöse Toleranz gibt es keinen Frieden

Nach 30 Jahren Kampf und Verwüstung geht der Krieg mit dem Westfälischen Frieden 1648 zu Ende. Eine Einigung wird nur möglich, weil sich alle Parteien auf einen Ausgleich zwischen den Konfessionen verständigen können. Der Historiker Georg Schmidt nennt die Friedensverträge von Osnabrück und Münster 1648 einen "Meilenstein auf dem Weg zu Gewissensfreiheit und Toleranz". Neben Katholiken und Lutheranern wird nun auch ein drittes Bekenntnis, der Calvinismus, offiziell anerkannt. Häuser und Grundstücke, die den Calvinisten entzogen wurden, werden ihnen zurückerstattet. Wichtig war auch, dass nun die Möglichkeiten eingeschränkt wurden, die Konfession zum Spielball der Machtpolitik zu machen. Entschließt sich ein Landesherr dazu, für ein neues Bündnis seine Konfession zu wechseln, kann er seinen Untertanen sein Bekenntnis nicht mehr aufzwingen.

Für die Reichsgebiete wird mit Ausnahme der habsburgischen Erblande eine Landeskonfession festgelegt - auf dem Stand wie sie am 1. Januar 1624 existiert hatte. Außerdem herrscht von nun an für alle Konfessionen mehr rechtliche Sicherheit: Wie die Anhänger ihr Bekenntnis ausüben dürfen, ist genau abgestuft. Gleiche Rechte für alle herrschen freilich nicht. Die katholische oder lutheranische Landeskonfession darf ihr Bekenntnis öffentlich mit Glockenklang feiern. Allen anderen wird die "devotio domestica" zugesichert. Die Angehörigen der konfessionellen Minderheit können nach ihrem Glauben leben und dürfen nicht wegen ihres Bekenntnisses diskriminiert werden. Kommt es zu Streitigkeiten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen, werden die Gerichte konfessionell paritätisch besetzt.

© SZ.de/mcs/rus/cat
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