Sieben Fakten über den Dreißigjährigen Krieg Die Furcht der einen, die Hoffnung der anderen

Illustration der Erstürmung Magdeburgs am 10.Mai 1631

(Foto: SZ Photo)

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg, der Deutschland verändern sollte - und ein neues Medium entstand. Eine Übersicht.

Von Thomas Jordan

Am 23. Mai jährt sich zum 400. Mal der Prager Fenstersturz, mit dem der Dreißigjährige Krieg in Europa begann. Weniger bekannt ist, was sich in den 30 Folgejahren auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation abspielte. Sieben Fakten über drei Jahrzehnte, in denen sich religiöse Minderheiten Rechte erkämpften, der Krieg auch auf dem Feld der Bilder wütete und sich mit der Zeitung ein neues Medium durchsetzte.

1. Ein österreichischer Aufsteiger und furchtsame Böhmen

Im Jahr 1617 geht die Angst um bei den protestantischen böhmischen Adeligen. Soeben ist Ferdinand II., Erzherzog von Innerösterreich, gegen ihren Willen neuer König von Böhmen geworden. Der strenggläubige Katholik Ferdinand hat ein ehrgeiziges Ziel: Er will alle nach 1552 evangelisch gewordenen Gebiete im Reich wieder katholisch machen. Die Konfession dient dabei der Machtpolitik des Habsburgers. Über den katholischen Glauben sollen die Stände im Heiligen Römischen Reich dem katholischen Kaiser in Wien politisch unterworfen werden. Noch hat das Amt Ferdinands Vetter Matthias inne. Aber schon bald hofft der ehrgeizige Ferdinand, selbst Kaiser zu sein.

Kaiser Ferdinand II.

(Foto: SZ Photo)

In dieser Situation entschließen sich protestantische Grafen in Böhmen zu einem symbolischen Befreiungsschlag gegen die katholischen Habsburger: Sie stürzen die Statthalter des Kaisers aus Wien aus einem Fenster des Hradschin, der Prager Burg. Kurz darauf bieten sie dem protestantischen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz die böhmische Königskrone an. Der Prager Fenstersturz ist Ausdruck einer hochexplosiven konfessionell-machtpolitischen Gefühlslage in den Ostgebieten des Reichs, die der Historiker Georg Schmidt mit den Worten beschreibt: "Die Furcht der einen und die vagen Hoffnungen der anderen bildeten zusammen genau jene Mischung, die nicht nur Kriege, sondern auch neue Kriegsziele entstehen lässt."

2. Es geht um Konfessionen, Macht und die "deutsche Freiheit"

Mit dem neuen König kommt der Krieg: Als Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, später "Winterkönig" genannt, das Angebot der böhmischen Stände auf die Königskrone annimmt, rückt der Konflikt vom östlichen Rand mitten in das Zentrum des Heiligen Römischen Reiches. Das Territorium des jungen protestantischen Kurfürsten ist ein zerstreuter Flickenteppich, der sich von der Residenzstadt Heidelberg im Westen bis in die heute bayerische Oberpfalz im Osten erstreckt. Nicht zuletzt der bayerische Herzog Maximilian I., einer der Anführer der Katholiken im Reich, hat schon länger ein Auge auf die Gebiete des Kurpfälzers geworfen. Schon ein Jahr später erfüllen sich die territorialen Hoffnungen des Bayern an der Seite des Kaisers.

Der Preis dafür ist ein Krieg mitten im Reich: Im Jahr 1620 geht Kaiser Ferdinand II. zum Angriff gegen die aufständischen Böhmen und ihren neuen König über. Der habsburgische Kaiser kann 20 000 Soldaten der Katholischen Liga, einem Zusammenschluss katholischer Fürsten des Reiches, zum Sturm auf Prag mobilisieren. Außerdem stellt König Philipp III. von Spanien, ebenfalls ein Habsburger, 20 000 Soldaten, um die pfälzischen Stammlande des neuen böhmischen Königs Friedrich zu erobern. Für die protestantischen Fürsten im Reich steht mit dem Eingreifen der Spanier nun die "deutsche Freiheit" auf dem Spiel, in Flugschriften wird das "Vaterland der deutschen Nation" beschworen. Aus einem Konflikt zwischen Wien und Prag wird ein europaweiter Krieg.

Geschichte Die Herren vom hohen Fall Bilder
Prager Fenstersturz vor 400 Jahren

Die Herren vom hohen Fall

Jaroslaw von Martinic überlebte den Prager Fenstersturz, mit dem im Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg begann. Doch die Tat verlief wohl anders, als in vielen Büchern steht. Eine Spurensuche.   Von Oliver Das Gupta, Prag/Burg Clam

3. Nachrichten aus der Schlacht - Der Krieg und die neuen Medien

Mit dem Krieg kommen die Zeitungen. Vor 1618 informierten meist nur Flugblätter über das Kriegsgeschehen. Die Berichterstattung blieb auf die einzelne Schlacht beschränkt. Mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges ändert sich das. Die gerade erst gegründeten wöchentlichen Zeitungen im Heiligen Römischen Reich konnten nun zum ersten Mal längere Entwicklungen im Kriegsgeschehen in den Blick nehmen. Oftmals kommt es sogar anlässlich des Krieges zur Gründung neuer, periodisch erscheinender Medien. In Köln werden von 1618 an die Wochentliche Niderlandische Postzeitungen gedruckt. Sie bestanden aus Nachrichtenbriefen aus Deutschland und Italien, die in Amsterdam gesammelt und zu Zeitungen zusammengefügt wurden.

Auch in Antwerpen erscheint 1618 die erste wöchentliche Zeitung, bald auch in Hildesheim, Halberstadt und Stuttgart. Die Menschen wollen regelmäßig und fortlaufend über die Kriegsentwicklungen informiert werden. Historiker sehen einen Zusammenhang zwischen der Gründung von Zeitungen und der Wahrnehmung des Krieges: Erst durch die kontinuierliche Berichterstattung in den Medien, so schreibt die Historikerin Esther-Beate Körber von der Freien Universität Berlin, wird es möglich, sich den Dreißigjährigen Krieg als ein zusammenhängendes Ereignis vorzustellen. Was im Zeitalter der Flugblätter als Aneinanderreihung einzelner Schlachten erschien, wird nun als fortlaufendes Kriegsgeschehen erkennbar.