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"Sicherheitszone":Italien macht dicht

Sogar Hochzeitsfeiern und Prozessionen sind verboten: Die Regierung in Rom stellt weite Teile Norditaliens unter Quarantäne. Die wirtschaftlichen Folgen dürften verheerend sein.

Von Oliver Meiler

Obwohl Mediziner von Schutzmasken abraten, gehören sie bei vielen Touristen in Italien – hier am Kolosseum in Rom – derzeit zur Standardausrüstung.

(Foto: Alberto Pizzoli/AFP)

Es ist, als würde Italien die Jalousien herunterlassen. Der Norden des Landes, das Herz seiner Wirtschaft, ist gesperrt. Die gesamte Lombardei sowie vierzehn Provinzen Venetiens, der Emilia Romagna, des Piemonts und der Marken gehören ab sofort in eine Sicherheitszone, die nur noch betreten und verlassen darf, wer "schwerwiegende", "unaufschiebbare" und "nachweisbare" Motive hat: Arbeit, persönliche Notfälle. So steht es in einem neuen Dekret der Regierung, mit dem sie die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen versucht. Betroffen sind 16 Millionen Menschen.

Es war zwei Uhr früh, mitten in der Nacht auf Sonntag, als Italiens Premier Conte nach langer Krisensitzung seines Kabinetts vor die Medien trat. Es handle sich nicht um eine "totale Blockade". Züge und Flüge werde es weiterhin geben, auch wolle er das Gebiet nicht "Zona rossa" nennen, rote Zone: "Aber ja, das sind sehr rigorose Maßnahmen." Dazu gehört auch die Schließung aller Museen, Theater, Kinos, Fitnesscenter, Kulturinstitute, Schwimmbäder und Skiorte. Die Schulen, die ursprünglich bis Mitte März hätten geschlossen bleiben sollen, werden in der Sicherheitszone nun frühestens Anfang April wieder öffnen. Konkret sind neben der Lombardei folgende Provinzen gemeint: Venedig, Treviso, Padua, Modena, Parma, Piacenza, Reggio Emilia, Rimini, Pesaro, Urbino, Novara, Alessandria, Asti, Verbano-Cusio-Ossola und Vercelli.

Verboten sind dort sogar Hochzeitsfeste, Bestattungsfeiern und religiöse Prozessionen. Bars und Restaurants können weitermachen, jeweils von 6 bis 18 Uhr, aber nur, wenn ihre Räumlichkeiten auch ausreichend groß sind, dass die Kunden mindestens einen Meter Distanz zueinander halten können. Die Polizei kann ein Lokal, das die Vorschriften nicht erfüllt, notfalls schließen. Und sie darf Personen, die im Auto unterwegs sind, anhalten und fragen, warum sie unterwegs sind - selbst wenn sie sich innerhalb der Sicherheitszone bewegen. Für ganz Italien gilt außerdem ein Öffnungsverbot für Pubs, Diskotheken und Kasinos, vorerst bis 3. April. Er sei sich der Tragweite des Dekrets bewusst, sagte Conte: "Ich trage dafür die volle politische Verantwortung."

Die Präsidenten der Regionen Lombardei, Veneto und Emilia-Romagna zeigten sich zunächst irritiert über das Paket. Es schaffe mehr Verwirrung als Klärung, sagten sie. Niemand wisse, was man noch tun dürfe und was nicht. Welcher Grund ist zum Beispiel gut genug, um eine Geschäftsreise zu rechtfertigen? Was ist mit dem Güterverkehr? Und wie soll der Staat überhaupt sicherstellen, dass auch wirklich niemand die Zone verlässt oder betritt, der das nicht tun sollte - etwa mit Armee auf Autobahnen und Provinzstraßen? Das gesperrte Gebiet ist viel zu groß, als dass es sich effektiv kontrollieren ließe.

Ein Teil der allgemeinen Konfusion rührt freilich auch daher, dass bereits in den Stunden vor Contes Medienauftritt geleakte Entwürfe des Dekrets durchs Netz gingen. Dutzende Süditaliener, die in Mailand leben, machten sich nach dieser Nachricht sofort auf zum Hauptbahnhof, um schnell noch an ihren Heimatort zu kommen, bevor alles blockiert würde. Viele hatten nicht einmal eine Fahrkarte. Conte versicherte nun, dass Familienzusammenführungen in Notfällen auch weiterhin möglich seien.

Die Verschärfung ihres Kurses erscheint der Regierung deshalb notwendig, weil die Zahl der Ansteckungen in den vergangenen Tagen stärker gestiegen ist als angenommen - der Höhepunkt scheint noch lange nicht erreicht zu sein. Das Gesundheitssystem im Norden gerät zusehends an seine Grenzen, vor allem in jenen Krankenhäusern, die Infizierte auf der Intensivstation behandeln. Conte kündigte an, dass er 20 000 Ärzte und Pflegepersonen aus anderen Regionen des Landes und aus privaten Kliniken aufgeboten habe. Sie sollen die Stresslage lindern.

Im Moment sind in Italien mehr als 7300 Infektionsfälle bekannt, die meisten Erkrankten kommen aus der Lombardei. Seit Ausbruch der Epidemie sind bis Sonntagabend 366 infizierte Menschen gestorben. Laut Angelo Borrelli, dem Chef des nationalen Zivilschutzes und Sonderkommissar in der Krise, liegt das Durchschnittsalter der Verstorbenen bei 81 Jahren. Männer zwischen 80 und 100 seien die anfälligste Bevölkerungsgruppe. Nur zwei Prozent der Opfer allerdings seien vor der Ansteckung gesund gewesen, sagte Borrelli. Alle anderen litten zu diesem Zeitpunkt bereits schwer an Herz- und Lungenproblemen.

Borrelli schwor die Italiener auf einen "Pakt der Verantwortung" ein. Es sei Zeit, dass der oberflächliche Umgang mit dem Risiko endlich aufhöre. So wurde zum Beispiel bekannt, dass ein betagteres Ehepaar aus Codogno, dem wahrscheinlichen Ursprungsherd der Virusverbreitung in Italien, die Sperre der dortigen "Zona rossa" missachtete und ins Trentino zum Skilaufen fuhr. Beide sind mit dem Erreger infiziert und liegen in Trento in Behandlung.

Angesteckt hat sich auch Nicola Zingaretti, der Vorsitzende des mitregierenden Partito Democratico und Gouverneur der Region Latium. Er meldete sich über Facebook von zu Hause, es gehe ihm gut, er kämpfe gegen die Krankheit. Da Zingaretti in jüngerer Vergangenheit zu vielen Kollegen Kontakt hatte, stellten sich nun auch andere Politiker und Minister unter Selbstquarantäne. Wie es im Parlament weitergehen soll, jetzt, da die Senatoren und Abgeordneten aus dem Norden nicht mehr nach Rom reisen sollen, ist nicht so klar.

In Rom gab es am Sonntag noch eine weitere Premiere. Der Papst sprach das Angelusgebet nicht wie üblich vom Fenster des Apostolischen Palasts, sondern aus einer Kapelle. Von dort wurde es in die Welt gestreamt. Eine Präventivmaßnahme sei das, sagte Franziskus. Um Menschenansammlungen zu verhindern, wird er sich vorerst nicht mehr am Fenster zeigen. Die Piazza San Pietro war schon fast leer.

Nur der Fußball soll weitergehen. Ohne Zuschauer zwar, aber doch. Die Mailänder Zeitung Corriere della Sera fand, das sei richtig so, die Fußballer sollten den Italienern ein bisschen Freude bereiten in unerfreulichen Zeiten. Doch diese Meinung ist umstritten. Der Präsident der Spielergewerkschaft, Damiano Tommasi, fordert einen sofortigen Abbruch der Meisterschaft der höchsten Liga, der Serie A. Andere verlangten eine Pause von mindestens einem Monat. Und Sportminister Vincenzo Spadafora riet den Bezahlsendern, sie möchten doch wenigstens die Begegnungen für alle freischalten. Viel Erfolg war dem Wunsch jedoch nicht beschieden.

© SZ vom 09.03.2020

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