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Parteitag:Serpil Midyatli, politischer Vulkan im SPD-Vorstand

"Vielen Dank fürs Einheizen", sagt Serpil Midyatli an ihren Vorredner Kevin Kühnert gerichtet - und gibt sich dann selbst Mühe als Stimmungsmacherin.

(Foto: AFP)

Mit 79,8 Prozent wird Serpil Midyatli am Freitag in die Parteispitze gewählt. Es ist das beste Ergebnis aller fünf Stellvertreter. Und das, obwohl sie ihre Rede zum schwierigsten Zeitpunkt hielt.

Als Serpil Midyatli ans Rednerpult tritt, möchte wohl niemand im Saal mit ihr tauschen. "Das war schon gemein", sagt sie selbst danach. Eben hatte Kevin Kühnert, für viele der größte Hoffnungsträger der SPD, die stärkste Rede auf diesem Bundesparteitag gehalten. Mit einer roten Socke und einer neuen Interpretation eines Bonmots von Helmut Schmidt hatte er die Delegierten zu Standing Ovations bewogen. Und dann kam Midyatli.

Die 44-jährige SPD-Landesvorsitzende war vor dem Parteitag auf Bundesebene ein unbeschriebenes Blatt. Doch sie macht ihre Sache ruhig, greift zum Anfang kurz den Beitrag ihres Vorredners auf. "Vielen Dank fürs Einheizen", sagt sie an Kühnert gerichtet. Dann erzählt sie von ihrem Werdegang: In "24109 Mettenhof", einem Kieler Plattenbauviertel, wuchs sie auf. Ihre Eltern waren türkische Einwanderer der ersten Generation. Realschulabschluss, Wirtschaftsgymnasium, dann übernahm sie mit 18 das Restaurant ihrer Eltern. 16 Jahre lang arbeitete sie in der Gastronomie. Niemand aus ihrer Familie, sagt Midyatli, hätte jemals gedacht, dass sie stellvertretende SPD-Vorsitzende werden könnte.

Midyatlis Rede dauert sechs Minuten und ist damit vergleichsweise kurz. Doch sie enthält die Elemente, die ihr am Herzen liegen. Ihre Themen, ihre Heimat, ihre Herkunft. Die SPD sei die Partei des Aufstiegs: "Alle anderen Parteien reden über Vielfalt. Aber wir leben Vielfalt!" Früher hatte die Partei wesentlich höheren Zuspruch bei Menschen mit Migrationshintergrund. Bei denen drang sie aber in den vergangenen Jahren nicht mehr durch: Wenn die SPD mit dem Thema Integration Schlagzeilen machte, dann meist im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte. Ihre Wahl, sagt Midyatli, sei ein Signal an die Migranten-Community. Ihr sei besonders wichtig, erzählt die Schleswig-Holsteinerin, dass Migrationshintergrund vor allem in der "Mehrheitsgesellschaft" keine große Rolle mehr spielt. Dass zuerst die Person und ihre Fähigkeiten eine Rolle spielen. "Wir sind am Ziel, wenn der Migrationshintergrund nur noch ein Zusatz ist." Genau das versucht sie vorzuleben. Midlatyi sagt von sich selbst, sie sei eine "echte Norddeutsche". Sie ist sogar Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Heimatbundes.

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Weggefährten betonen wiederum immer wieder, dass sich die Kielerin vor allem über ihr Temperament definiere. Im Landtag erhielt sie bereits mehrere Ordnungsrufe. Sie verließ auch schon mal den Saal, weil sie das von ihr als Macho-Gehabe empfundene Verhalten des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki nicht ertrug. Als einen "politischen Vulkan" beschreibt sie Ralf Stegner, der von sich selbst sagt, er habe Midyatli jahrelang gefördert. Stegner war zwölf Jahre lang Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein. Als sich Midyatli 2009 zum ersten Mal für den Landtag aufstellen lassen wollte, nominierte sie ihr Kreistag nicht. Stegner setzte sich dann dafür ein, Midyatli auf einen aussichtsreichen Listenplatz zu stellen. "Solche Aktionen bezahlt man dann mit schlechteren Ergebnissen bei der Wahl zum Landesvorsitzenden", sagt er heute.

Midyatli wird nun schon zum zweiten Mal Stegners Nachfolgerin

Stegner und Midyatli, unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Er, der intellektuelle Harvard-Absolvent. Sie, die früh in die Gastronomie ging und einen sozialdemokratischen Werdegang par excellence hinlegte. Als sich Stegner im Herbst des vergangenen Jahres zierte, noch mal für den Landesvorsitz anzutreten, schuf Midyatli Fakten und gab bekannt, dass sie in jedem Fall kandidieren werde. Stegner kündigte seinen Rückzug an. Im März machte er unter Tränen Platz. Es war keine Intrige, versichert er. Sondern abgesprochen. Midyatli selbst sagt, niemand habe sie damals gebeten, anzutreten - auch nicht Stegner.

Nun folgt Midyatli schon zum zweiten Mal auf Stegner. Nämlich als stellvertretende Vorsitzende der Bundespartei. Denn während Stegner unter der Woche erklärte, dass er nicht noch einmal antreten werde, wurde sie mit dem besten Ergebnis aller Stellvertreter gewählt: 79,8 Prozent. Midyatli ist bereits seit zwei Jahren Mitglied des Parteivorstands. Dass die Norddeutsche sich als stellvertretende Parteivorsitzende bewerben würde, hatte sich bis zum Auftakt des Parteitags allerdings nicht abgezeichnet. Sie sagt, sie habe am Tag der Wahl den Anruf der neuen Parteivorsitzenden erhalten. Denn eigentlich wollte die Partei ihre Spitze verkleinern. Von sechs auf drei Stellvertreter. Als sich dann eine Kampfkandidatur zwischen Arbeitsminister Hubertus Heil und dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert abzeichnete, wollte die neue Parteispitze den Konflikt zwischen Regierungsmitgliedern und Groko-Gegnern entschärfen. Man einigte sich auf fünf Stellvertreterposten. Deswegen trat Midyatli auf den Plan.

Mit Midyatli zementieren Esken und Walter-Borjans die Ausgeglichenheit im neuen Parteivorstand

Auf dem zweiten Blick hat die Wahl der 44-Jährigen aber auch eine strategische Komponente. Midyatli hatte die neuen Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans vor der Stichwahl unterstützt. Sie gehört dem linken Parteiflügel an, versteht sich gut mit Kevin Kühnert, mit dem sie auch einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt für die Europawahl im Mai absolvierte. Esken und Walter-Borjans zementieren damit die Ausgeglichenheit im neuen Parteivorstand. Mit ihnen, Midyatli und Kühnert sind vier Mitglieder der Parteispitze dezidiert links und zumindest skeptisch gegenüber der großen Koalition eingestellt.

Das bedeute aber nicht, dass sie sich nach Oppositionsarbeit sehne. Sie möchte in ihren Themen Familie, Integration, Gleichstellung und sexuelle Vielfalt etwas bewegen. Kostenfreie Kitas sind ihr wohl größtes Anliegen. Dafür müsse die SPD den Kanzler stellen: "Deutschland geht es am besten, wenn die SPD diese Regierung führt!" Jamaika, betont sie, sei keine Alternative für dieses Land. Sie will progressive Mehrheiten für Deutschland.

So ganz hat Serpil Midyatli ihrem Vorrednet Kevin Kühnert noch nicht verziehen, dass er ihr so eine schwere Ausgangslage für ihre Rede verschaffte. "Ich werde nochmal mit ihm sprechen", sagt sie, nur um dann gleich zu beschwichtigen: "Hey, war das eine geile Rede?" Wenn so jemand wie Kühnert in ihrer Partei sei, könne man doch nur froh sein und sich auf die Zusammenarbeit freuen.

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