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Seenotrettung:Capitana gegen Capitano

Eine Frau fordert Italiens Rechtsaußen Salvini heraus: Carola Rackete.

In Italien sagen sie sogar ihren Nachnamen richtig, was in der Heimat noch immer nicht allen gelingt: Rackete, die passende Betonung liegt nicht auf dem a, sondern auf dem ersten, lang gezogenem e. Wie bei Rakete eben. So berühmt ist Carola Rackete im Land, das sie über Nacht auf die Weltbühne beförderte. Im Juni war das, die junge Deutsche wurde zur umkämpften Symbolfigur, bewundert und verhasst. Heldin für die einen, Retterin der Menschenwürde im Mittelmeer, Kapitänin der Herzen. Göre für die anderen, Gesetzesbrecherin. Der damalige italienische Innenminister Matteo Salvini nannte sie auch eine "deutsche Zecke". Die "Capitana" gegen den "Capitano", wie die Anhänger Salvini rufen - in diesem ungleichen und eigentlich auch unmöglichen Duell deklinierte sich die Debatte über die Seenotrettung.

Carola Rackete, 31 Jahre alt, aus dem niedersächsischen Hambühren, polyglotte Nautikerin, war die Kapitänin von Sea Watch 3, einem Schiff der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation. Fünfzig Meter lang, zwölf breit, ein stattlicher Kahn mit niederländischer Flagge. Am 12. Juni nahm die Sea Watch 3 vor der libyschen Küste 53 Menschen auf, es waren Migranten in Seenot. Man wies Rackete den Hafen von Tripolis zu, der war nicht weit weg. Doch Rackete nahm Kurs nach Norden. Libyen, sagte sie, mit seinen Kriegswirren und fürchterlichen Flüchtlingslagern, sei insgesamt kein sicherer Hafen, da bringe sie ihre Passagiere ganz sicher nicht hin. Niemals. Der Ton war damit gesetzt, er lebte von Trotz und innerer Überzeugung. Er zog sich durch diese Geschichte, bis zuletzt.

´Sea-Watch 3" - Kapitänin Carola Rackete

„La Capitana“: Carola Rackete.

(Foto: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa)

Als die Sea Watch 3 Lampedusa erreichte, den südlichsten Vorposten Europas im zentralen Mittelmeer, da richtete Roms starker Mann Rackete aus, der Hafen der Insel sei für sie geschlossen, wie überdies alle anderen italienischen Häfen auch. Oder genauer: Salvini war es, der da sprach und twitterte. An der Gültigkeit dieser Anordnungen gab es erhebliche Zweifel. Doch irgendwie war es Salvini gelungen, den Italienern und auch den Seenotrettern zu vermitteln, dass er das einfach beschließen könne. Und so steuerte Rackete ihr Schiff immer hart an der Grenze zu den italienischen Gewässern, auf und ab, 17 Tage lang. Italienische Medien berichteten zeitweise rund um die Uhr, zeigten Bilder vom Schiff am sommerdunstigen Horizont und die Kurslinien der Radargeräte.

Unter den Migranten an Bord wuchs die Verzweiflung. Zuweilen passierten Flüchtlingsboote, die einfach anlegten, ohne dass Salvini sich aufgeregt hätte. Der hatte seine Tiraden ganz auf die NGOs gerichtet - und auf diese "junge, reiche, verwöhnte" deutsche Kapitänin mit den Rastalocken, die so ideal in seine Propaganda passte. Er nannte sie "Kommunistin" und "Komplizin der Schlepper". "Bis Weihnachten", "bis Silvester" könne sie dort draußen warten, sagte Salvini, er werde sie nicht anlegen lassen, niemals. Das Land war gespalten. Etwas mehr als die Hälfte der Italiener war aber mit Salvini. Der Hass von oben, aus dem Palazzo der Macht, steckte unten viele an.

Matteo Salvini spricht vor einer Monitorwand, die Carola Rackete zeigt

Matteo Salvini, Ex-Innenminister von Italien, während einer TV-Sendung: Auf der Monitorwand im Hintergrund ist die Kapitänin des Rettungsschiffs Sea Watch 3 eingeblendet.

(Foto: Carlo Cozzoli/dpa)

In der Nacht auf den 29. Juni, Mitternacht war schon vorbei, beschloss Rackete mit ihrer Crew, die Blockade zu durchbrechen und anzulegen. Ein Motorboot der Guardia di Finanza stellte sich der Sea Watch 3 in den Weg, doch Rackete fuhr weiter, drängte das Boot ab, streifte es. Es war ein gefährliches Manöver, sie sollte es später bedauern. Aber die Not an Bord sei nun mal zu groß gewesen, sie habe keine Wahl gehabt. Salvini nannte sie ab sofort "potenzielle Mörderin".

Rackete wurde abgeführt, müde und gezeichnet von den Strapazen und der Last der Verantwortung. Kein Wunder, mit 31 Jahren. Zwei Tage verbrachte sie unter Hausarrest, dann präsentierte man sie einer Richterin im sizilianischen Agrigent. Und die ließ sie sofort frei. Rackete habe aus Pflichtgefühl gehandelt, fand sie, sie habe Menschen gerettet und in Sicherheit gebracht. Das Verfahren läuft noch, doch Rackete war frei. Salvini schäumte. Einige Wochen später stürzte er dann über seine Allmachtsfantasien und über einen politisch-taktischen Rechenfehler. Im Rückblick wird man vielleicht einmal sagen, die Selbstdemontage des "Capitano" habe nach der Niederlage gegen die Kapitänin begonnen.

Captain Pia Klemp
Brücke Sea-Watch 3

Will lieber „Kapitän“ als "Kapitänin" genannt werden: Die Bonnerin Pia Klemp im Cockpit der Sea Watch 3. Die Politik versage bei der Seenotrettung von Flüchtlingen: „Es ist absurd, dass diese Aufgabe hauptsächlich Freiwillige machen.“

(Foto: Paul Lovis Wagner)

Ein bisschen weniger bekannt als Rackete ist Pia Klemp, Kapitänin auch sie, Jahrgang 1983, aus Bonn, ähnliche Biografie: mittelständische Herkunft, behütetes Daheim, dann Naturschutzprojekte in Indonesien und am Südpol. Im August 2017, lange vor Salvini, war auch Klemp in die Spirale der Kriminalisierung geraten. Ihr damaliges Schiff, die Iuventa von "Jugend Rettet", wurde nach einem Einsatz vor Libyen beschlagnahmt. Seither läuft in Trapani ein Verfahren, in dem die Staatsanwaltschaft ihr und neun weiteren Crewmitgliedern nachweisen will, sie hätten nicht einfach nur Menschen vor dem Ertrinken bewahrt, sondern Beihilfe zur illegalen Einwanderung geleistet. Im Höchstfall sind 15 Jahre Haft vorgesehen.

Retter als Verbrecher? Die Indizienlage ist dünn. Mit der Iuventa kippte damals die Stimmung, auch in Italien. Pia Klemp hat einen Roman auf der Basis ihrer Erlebnisse geschrieben, Rackete das Buch "Handeln statt hoffen: Aufruf an die letzte Generation". Beide wurden für Mut und humanitären Geist ausgezeichnet. Rackete verklagte Salvini wegen "schwerer Verleumdung". In ihrem Buch steuert sie neue Kämpfe an: Sie ist Anhängerin der Protestbewegung Extinction Rebellion, es geht um Klima und Umweltschutz. Wer sie interviewen will, den fordert sie auf, mit dem Zug anzureisen.

© SZ vom 01.12.2019
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