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Schweiz:SVP-Politikerin Martullo-Blocher stellt sich gegen ihren prominenten Vater

CEO Martullo-Blocher of Swiss Ems-Chemie Holding AG addresses an annual news conference in Zurich

Magdalena Martullo-Blocher, Tochter des ehemaligen SVP-Chefs Christoph Blocher, lenkt in der Zuwanderungsfrage ein.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)
  • Die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) hat ihre Position zur Umsetzung der Zuwanderungsinitiative geändert.
  • Magdalena Martullo-Blocher spricht sich nun gegen strikte Kontingente aus und stellt sich damit gegen ihren Vater und andere Parteimitglieder.
  • Martullo-Blocher sitzt für die SVP im Schweizer Nationalrat.

Als Christoph Blochers Tochter Magdalena vor einem Jahr verkündete, sie kandidiere für den Nationalrat, galt das vielen als genialer Schachzug des Strategen aus Herrliberg am Zürichsee. Blocher, 75, einst Chef der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP), sorge geschickt für Nachfolge, da waren sich alle einig. Seine älteste Tochter, die ihn schon in der Führung des Unternehmens beerbt hatte, solle nun sein politisches Werk weiterführen. Das heißt: rechtskonservativer Kurs, kompromisslos interpretiert, gern in Opposition zu allen anderen Parteien. Ein Erfolgsrezept - mit dem sich die SVP seit Anfang der Neunziger Jahre von einer unbedeutenden Bauernpartei zur stärksten Kraft des Landes entwickelt hat.

Doch nun scheint es, als habe Magdalena Martullo-Blocher andere Pläne. Am Sonntag machte die 46-Jährige mit einem Interview auf sich aufmerksam, das so gar nicht nach rechtem Alleingang klang. In der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative, die die SVP vor zwei Jahren knapp für sich entschieden hatte, solle man strikte Kontingente und Höchstzahlen nach Möglichkeit vermeiden, sagte sie der Schweiz am Sonntag. Sie sei dafür, die Initiative "wirtschaftsverträglich umzusetzen" sagt Martullo-Blocher. Sie bewegt sich damit auf der Linie der wirtschaftsliberalen und konservativen Parteien im Parlament.

Eine Aussage, die gewaltige Folgen haben könnte: Wenn selbst die SVP ihren Widerstand gegen eine Kompromisslösung in den schwierigen Verhandlungen mit der Europäischen Union fallen lässt, scheint die Lösung des Problems, das die Schweizer Außenpolitik seit mehr als zwei Jahren blockiert, in greifbarer Nähe zu sein.

Zu den Gegnern dieser Position gehört Martullo-Blochers Vater

Es ist aber nicht so, als würde Martullo-Blocher, die seit Oktober 2015 für den Kanton Graubünden im Schweizer Nationalrat sitzt, für die ganze SVP sprechen. In der rechtskonservativen Partei gibt es viele, die die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative weiter streng mit Zahlen und Kontingenten umsetzen wollen.

Zu diesem Lager gehört Vater Christoph Blocher. Auch er hat am Wochenende mit der Presse gesprochen. Der SonntagsZeitung sagte er, der Verzicht auf feste Zahlen komme nicht infrage. "Wir sehen nicht, wie das ohne jährliche Kontingente erreicht werden kann", ließ der SVP-Patron wissen. Blocher, der sicher nicht zufällig "wir" gesagt hat, erhielt Unterstützung von seinem eher blassen Parteivorsitzenden Albert Rösti. Selbstverständlich halte man an den Kontingenten fest, beeilte sich dieser zu versichern. Martullo-Blocher habe nur ihre Position als Unternehmerin "besonders betont". Das ist natürlich falsch. Wenn sich Blocher und Blocher in der Sonntagspresse widersprechen, geht es um Grundsätzliches.

Tatsächlich ist Christoph Blocher in den vergangenen Monaten vor allem durch seine Kunstsammlung und krude Vergleiche aufgefallen. Die Art und Weise, wie in den Medien mit der SVP umgegangen werde, erinnere ihn an die Methoden der Nazis gegenüber den Juden; diese Position vertritt Blocher lautstark und ohne jeden Selbstzweifel. Immer häufiger tauchen in den pietätvollen Schweizer Zeitungen Worte wie "Nonsens" und "faktenfrei argumentieren" auf. Auch auf Blochers Alter wird immer weniger verklausuliert hingewiesen.

Will Martullo-Blocher ihren Vater aufs Abstellgleis schieben? Sich als Vertreterin einer neuen, modernen SVP ins Spiel bringen? Und: Könnte sogar das eine Strategie ihres Vaters sein, der dafür eben den halsstarrigen Alten gibt? Man weiß es nicht.

Sicher ist nur: Seine Tochter will sich als unabhängige Politikerin positionieren. Bei einer Anhörung im Nationalrat wurde sie kürzlich mit "Frau Blocher" angesprochen - und korrigierte prompt: "Mein Name ist Martullo."

© SZ vom 31.05.2016/ewid
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