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Studie zu Zwangsheirat in Deutschland:Schröder kündigt Hotline für Zwangsehe-Opfer an

Es sind beunruhigende Daten: Familienministerin Schröder hat eine neue Studie vorgestellt, die Einblicke in das Leben von Zwangsverheirateten gewährt. Hilfe für die Opfer soll nun eine bundesweite Hotline bieten. Opposition und Menschenrechtler fordern weitergehende Maßnahmen.

Ein bundesweites Hilfstelefon soll künftig Opfern von Zwangsheirat Unterstützung bieten. Die Hotline "Gewalt gegen Frauen" solle ab Ende 2012 bundesweit in mehreren Sprachen zu Verfügung stehen, sagte Familienministerin Kristina Schröder bei der Übergabe einer Studie zu Zwangsverheiratungen an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (beide CDU). Zwangsheirats-Opfer bräuchten "ein Ohr, das zuhört, einen Mund, der Auswege beschreibt und Hände, die helfen", sagte Schröder.

PK zu Zwangsverheiratungen

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (rechts) und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (beide CDU) bei der Vorstellung einer neuen Studie zu Zwangsehen in Deutschland.

(Foto: dpa)

Das Gesetz zur Einrichtung der Hotline, die sich auch an weibliche Opfer anderer Gewaltformen richtet, soll am Donnerstag erstmals im Bundestag beraten werden. Die Kosten dafür werden für 2012 auf etwa 3,1 Millionen Euro veranschlagt, ab 2013 mit jährlich etwa sechs Millionen Euro.

Nach der von Schröders Ministerium in Auftrag gegebenen Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, sind in Deutschland vor allem Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 18 und 21 Jahren von Zwangsverheiratung bedroht und betroffen. Nahezu die Hälfte der Opfer hat einen deutschen Pass, fast ein Drittel der Opfer sind minderjährig. Beinahe zwei Drittel der erfassten Fälle stammen zudem aus stark religiös geprägten Familien. Für die Untersuchung waren im Jahr 2008 insgesamt 3443 von Zwangsverheiratung Betroffene in 830 Beratungsstellen erfasst worden.

Schröder betonte, dass die Dunkelziffer von Zwangsheiraten in Deutschland vermutlich höher liege, seriöse Aussagen hierzu seien nicht möglich. Klar sei nur, dass die "Bedrohung für eine große Zahl von Menschen" existiere. "Wer flieht und sich dagegen wehrt, riskiert Isolierung in der eigenen Familie", sagte die Ministerin. Sie fügte hinzu, dass unter den Betroffenen auch sechs Prozent Männer seien, diese sähen sich jedoch häufig nicht als Opfer und würden deshalb selten Hilfe suchen. Häufigstes Herkunftsland der Eltern sei mit 44 Prozent die Türkei, gefolgt von Serbien, Irak und Afghanistan mit jeweils sechs bis neun Prozent.

Die Ministerin forderte, das Thema Zwangsehe stärker in der Schulen zu behandeln. "Wer eine Beratungseinrichtung aufsucht, gehört eher zu den Jüngeren, geht noch zur Schule und hat häufig schlechte Deutschkenntnisse", sagte Schröder.

Grüne fordern mehr Opferschutz

Zwangsheirat ist seit Mitte des Jahres in Deutschland ein eigener Straftatbestand. Die Integrationsbeauftragte Böhmer (CDU) betonte, damit sei ein wichtiges Signal gegen Zwangsehen gesetzt worden.

Den Grünen gehen die Maßnahmen der Bundesregierung nicht weit genug. Sie sprechen sich dafür aus, Opfern einer Zwangsheirat ein großzügigeres Aufenthaltsrecht zu gewähren. "Wer wirkungsvoll gegen Zwangsverheiratung vorgehen will, muss den Opferschutz auch im Ausland in den Mittelpunkt stellen", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer Volker Beck. Die betroffenen Frauen sollten ein Aufenthaltsrecht über die Dauer eines Prozesses hinaus bekommen. "Sonst wird man die Taten nicht aufklären, die Täter nicht verfolgen und die Frauen nicht dauerhaft schützen können."

Die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Aydan Özoguz, bezeichnete ein Hilfstelefon als Maßnahme gegen Zwangsehen als nicht ausreichend. Zudem warf sie Schröder vor, Muslime pauschal zu stigmatisieren. Die Ministerin hatte bei der Vorstellung des Berichts darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Betroffene Muslime seien.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes warf der Bundesregierung vor, ihrer Fürsorgepflicht für junge Frauen nicht nachzukommen. Es reiche nicht aus, sie in einer akuten Krise zu unterstützen, so Geschäftsführerin Christa Stolle. Vielmehr müssten Sozialarbeiter dorthin gehen, wo potenzielle Betroffene seien. Die Organisation forderte eine "deutliche finanzielle Aufstockung" für Beratungsstellen durch Bund und Länder.

© sueddeutsche.de/AFP/ros/hai

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