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Sankt Petersburg:Der Präsident bringt rote Rosen

Russian army servicemen attend the parade to mark 75 years since Leningrad siege was lifted during the World War Two, in Saint Petersburg

Eisige Kulisse: An der Parade in St. Petersburg zum Gedenken an die Befreiung Leningrads vor 75 Jahren waren auch russische Panzer beteiligt.

(Foto: Anton Vaganov/Reuters)

Russland erinnert an die Befreiung Leningrads vor 75 Jahren.

Wie sich die Menschen in seiner Heimatstadt an die Opfer der Blockade erinnern, hat der Schriftsteller Daniil Granin einmal so beschrieben: Sie legen zum Jahrestag Zwieback, Pralinen und Gebäck auf deren Gräber. So zeigten sie "ihre Liebe und Erinnerung" an die Menschen, die damals in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, ums Leben gekommen sind. Die deutsche Wehrmacht hatte die Stadt bombardiert und ausgehungert. Gegen die Deutschen hat Granin als Soldat in Leningrad gekämpft. Vor fünf Jahren sprach er im Deutschen Bundestag über das unvorstellbare Leid der dort Eingeschlossenen.

Am Sonntag haben die Menschen in Sankt Petersburg die Befreiung der Stadt vor 75 Jahren gefeiert. Präsident Wladimir Putin brachte rote Rosen zum Gedenkfriedhof Piskarjowskoje, dort liegen Hunderttausende begraben, darunter der ältere Bruder Putins. Er war als Kleinkind während der Blockade gestorben. Der großen Militärparade, so hieß es, blieb der Präsident dagegen fern. Etwa 2500 Soldaten zogen zum Jahrestag am ehemaligen Zarenpalast vorbei, dazu verschiedenes Kriegsgerät, Panzer aus der Sowjetzeit und das moderne Luftabwehrsystem S-400. Eine Demonstration militärischer Stärke, über die zuvor viel diskutiert worden war.

Über den gefrorenen Ladogasee kamen Transporte in die Stadt und Menschen heraus

Gefeiert haben sie den Sieg über die Deutschen: 872 Tage, von September 1941 bis Januar 1944, belagerte die Wehrmacht die Stadt. Es ging ihr nicht allein darum, den Widerstand der Bevölkerung zu brechen. Hitler wollte sie gezielt aushungern lassen, auslöschen. Die Deutschen haben dort Krieg nicht nur gegen Soldaten geführt, sondern gegen Zivilisten, Frauen und Kinder. Die Schätzungen darüber, wie viele starben, gehen auseinander, wahrscheinlich waren es mehr als eine Million Tote, die meisten verhungerten. Zur schlimmsten Zeit bekamen viele nicht mehr als 125 Gramm Brot am Tag, dem alles mögliche beigemischt war, Kleister und Zellulose. Die Menschen aßen Leim von den Tapeten und sie aßen ihre Haustiere. Die Toten blieben manchmal in den Wohnungen und Hauseingängen liegen, wenn niemand mehr körperlich die Kraft hatte, sie zu beerdigen. Zum Hunger kamen die Bomben. Wenn Häuser brannten, brannten sie lange, denn die Wasserleitungen funktionierten nicht, und der Strom auch nicht. Der erste Winter war besonders kalt und forderte viele Opfer. Es war eine unvorstellbar elende, dunkle, verzweifelte Zeit.

Über den gefroren Ladogasee kamen zwar Transporte in die Stadt und einige Hunderttausend Menschen konnten evakuiert werden. Die "Straße des Lebens" nannten sie den gefährlichen Weg über das Eis, den die Deutschen beschossen und zur "Straße des Todes" machten. Wagen brachen durch das Eis, Flüchtlinge ertranken. Die "Blokadniki", die Menschen der Blockade, wurden später als Helden gefeiert, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus und für das sowjetische Volk gegeben hatten. Das Bild vom erbitterten Widerstand kam auch der deutschen Seite entgegen, weil es das große Kriegsverbrechen der Wehrmacht verwischte.

Berlin will noch lebende Opfer mit zwölf Millionen Euro unterstützen und eine Klinik modernisieren

"Die Menschen versuchten, einander zu helfen", sagte Daniil Granin damals vor dem Bundestag. "Es kam vor, dass jemand auf der Straße stehen blieb, sich an eine Wand lehnte und zusammenbrach. Und manchmal fand sich ein anderer Passant, der ihm aufhalf und ihn zur nächsten Stelle brachte, wo es heißes Wasser gab." Bei diesen Szenen habe er erkannt, wer zu den Blockadehelden gehörte - derjenige, der andere Menschen rettete. "Das Einzige, was man dem Hunger und der Unmenschlichkeit des Faschismus entgegenstellen konnte, war der spirituelle Widerstand der Einwohner der einzigen Stadt im Zweiten Weltkrieg, die nicht aufgegeben hat."

Daran, dass dem nun mit einer Militärparade gedacht wird, gab es viel Kritik in der Stadt. In einer Umfrage von Fontanka, einer Online-Nachrichtenseite aus Sankt Petersburg, hielten die Hälfte der 3000 Umfrage-Teilnehmer die Parade für nicht angemessen. In einem offenen Brief wandten sich im November zudem Bürger an die Verantwortlichen in der Stadt und forderten, diesen "empörenden Karneval" zu stoppen. Es ging ihnen dabei nicht allein um den Militäraufzug. Sie kritisierten unter anderem auch, dass es noch keine offiziellen Opferzahlen, keine vollständigen Namenslisten gebe. Fast 5000 Menschen unterschrieben den Brief.

In Deutschland hat man sich lange nicht oder wenig an die Blockade erinnert, in vielen Schulbüchern wurde sie nicht erwähnt. Nun will die Bundesregierung die noch lebenden Opfer mit insgesamt zwölf Millionen Euro unterstützen und damit unter anderem ein Krankenhaus für Kriegsveteranen modernisieren. Die Geste sei "ein Symbol dafür, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind", sagte Außenminister Heiko Maas, "aber auch ein Signal, dass so etwas niemals wieder geschehen darf." Daniil Granin hat später gemeinsam mit dem Schriftsteller Ales Adamowitsch ein Buch geschrieben, für das er in den Siebzigerjahren etwa 200 Überlebende in Leningrad befragt hat. Ein "Denkmal in Buchform" ist das Buch, das zu Sowjetzeiten noch zensiert wurde, später genannt worden. In Deutschland ist die ungekürzte Fassung erst vor einigen Monaten erschienen. Daniil Granin ist 2017 im Alter von 98 Jahren gestorben.