Salafismus Junge Extremisten

Immer öfter geht es in den Beratungsgesprächen um Frauen.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Immer mehr Islamisten leben in Deutschland, und sie werden immer jünger. Doch Präventionsprogramme fehlen.

Von Constanze von Bullion, Berlin

39 Mal kommt das Wort "Prävention" im Koalitionsvertrag vor. Union und SPD wollen sich der Prävention internationaler Krisen widmen, der Vorbeugung von Krankheiten oder häuslicher Gewalt. Blass und ohne jede neue Idee ist hingegen die Passage, in der es um die Prävention von Islamismus und Salafismus geht. Geplant sei der "Ausbau unserer erfolgreichen Programme" gegen Extremismus, heißt es dazu nur. Trotz anhaltender Debatten um das Thema Migration ist Union und SPD zur Vorsorge gegen Islamismus nichts Wegweisendes eingefallen. Und das, obwohl Experten gerade hier eine Professionalisierung fordern.

Rund 10 800 salafistische Extremisten leben laut Bundesamt für Verfassungsschutz in Deutschland, fast dreimal so viele wie vor fünf Jahren. "Die Beratungsfälle bei uns werden immer jünger, und es geht jetzt auch öfter um Mädchen", sagte die Sprecherin der Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) am Dienstag. Eine Hotline ist die Erstanlaufstelle für Menschen, die in ihrem Umfeld islamistische Radikalisierung befürchten. Seit 2012 wurden hier mehr als 4000 Telefonate geführt, mit Lehrern, Freunden und insbesondere Müttern. Mal ist der Rückzug von Jugendlichen das Thema, mal ihre übermäßige Beschäftigung mit dem Islam.

Die jungen Radikalen, um die es bei der Bamf-Beratung geht, sind im Schnitt 18 oder 19 Jahre alt, Tendenz jünger werdend. Mädchen machen inzwischen etwa ein Viertel der Fälle aus. 45 Prozent der Radikalisierten haben laut Bamf einen Migrationshintergrund. Etwa 30 Prozent der Fälle wurden Sicherheitsbehörden gemeldet.

Die eingehende Beratung aber sollen nicht Bamf-Mitarbeiter, sondern Kooperationspartner vor Ort übernehmen. Meist sind das zivilgesellschaftliche Vereine, die mit hohem Engagement, jedoch oft unzureichend geschultem Personal arbeiten. Beim Salafismus aber ist die Zusammenarbeit von Beratern, Angehörigen, Jugendämtern und Verfassungsschützern kompliziert. "Die Arbeitsbelastung in diesem Themenfeld ist hoch", sagte der Leiter der Bamf-Beratungsstelle Radikalisierung, Florian Endres, der Deutschen Presse-Agentur. Das Bamf will Berater nun einheitlich aus- und fortbilden und ihre Arbeit zusammen mit Hochschulen zertifizieren.

Mit dem Ausbau bestehender Programme sei es jedenfalls nicht getan, sagt auch die innenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Irene Mihalic. Die Grünen haben bereits 2017 eine bundesweite Präventionsstrategie gegen gewaltbereiten Islamismus gefordert. Es fehle vielerorts an Beratungsstellen, und nicht alle seien gut. "Manche Strukturen sind nicht professionell genug, weil den Trägern Geld vor die Füße gekippt wird, so nach dem Motto: Macht mal", sagt Mihalic. "Es findet kein Controlling und keine Vernetzungsarbeit statt." Die Innenminister der Länder hätten längst eine nationale Strategie gefordert, so Mihalic, "aber rumgekommen ist nichts."