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Sachsen:Der Volksprofi

Der neue Ministerpräsident Michael Kretschmer will bei der Landtagswahl 2019 die AfD schlagen. Dafür muss er die Wähler zurück zur CDU holen und die Stimmung im Land drehen. Sein größter Gegner ist ein Gefühl.

Es gibt geschmeidigere Gesprächseinstiege als diesen: "Wie ist die Lage?", fragt Michael Kretschmer und lässt sich mit Schwung am Tisch nieder, auf dem sein Namensschild steht. "Beschissen", brummt ein Mann, mehr leise als laut. Eine Traube Journalisten stenografiert das Wort in die Blöcke, während die Tischrunde versucht, im Blitzlicht-Strobo der Fotografen nicht zu erblinden. Ein Abend im Erzgebirge, Sachsens neuer Ministerpräsident hat zur Bürgerdiskussion ins Kulturhaus in Aue geladen. In den 50er-Jahren vom Bergbauunternehmen Wismut errichtet, kann das Gebäude seit seiner Sanierung mit Lüstern und Glanzparkett aufwarten, aber nur bedingt mit Platz für 600 Menschen. Schon eine Stunde vor Beginn des "Sachsengesprächs" stehen die ersten Schlange im Schnee. Drinnen sind Tische aufgebaut, an jedem haben ein Minister und zehn Bürger Platz. Offen reden, auf Augenhöhe - das ist das Angebot des Kabinetts Kretschmer an diesem Abend und in den kommenden Monaten.

Deutschlands jüngster Ministerpräsident hat sich einiges vorgenommen, alle Landkreise will er besuchen. Wer beweisen muss, dass er etwas bewegen kann, bewegt sich am besten selbst. Allein an diesem Tag hat Kretschmer ein Stahlbauunternehmen besucht und das Kreiskrankenhaus. Auf dem Marktplatz von Annaberg hat er ein Video für Facebook gemacht: Er steht da ohne Mantel im Schnee und sagt: "Das Erzgebirge ist wunderschön."

Dass Kretschmer, 42, seine Tour hier beginnt, wird andere Gründe haben. Im November schrieben 21 parteilose Bürgermeister einen Brandbrief an die sächsische Staatsregierung, sie beklagten die Benachteiligung der Kommunen im ländlichen Raum. Bei der Bundestagswahl bekam die AfD in vielen dieser Kommunen deutlich mehr als 30 Prozent. Natürlich ist sie auch an diesem Abend dabei, steht mit am Tisch in Form von Uwe Gahlert, Vorstandsmitglied des Kreisverbandes Erzgebirge. Sein Thema, was sonst, Flüchtlinge: "Ich lese jeden Tag von Vergewaltigungen." - "Die kriegen das Geld vorn und hinten reingeschoben." - "Die lachen uns aus." So geht das immer weiter.

Kretschmer merkt an, dass inzwischen deutlich weniger Menschen kommen, verweist auf Rückführungsabkommen und Asylrechtsverschärfungen: Wer Anrecht auf Schutz habe, müsse Schutz bekommen. Wer straffällig werde, müsse gehen. "Da werden wir klare Kante zeigen!", ruft Kretschmer; kurz sieht es so aus, als wolle er den Tisch mit einem Handkantenschlag zerlegen. Zwei Feuerwehrmänner verfolgen die Szene mit verschränkten Armen. Der Ministerpräsident glüht, aber kein Grund zu löschen.

Landesparteitag CDU Sachsen

Über die Umfragewerte seiner CDU in Sachsen kann Ministerpräsident Michael Kretschmer, hier beim Parteitag im Dezember, nicht glücklich sein.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Er macht das ja alles nicht zum ersten Mal. Schon als Generalsekretär hat er sich angehört, was die Sachsen zu sagen haben, über Flüchtlinge, Merkel, die Rente. Er hat Gepolter nicht immer Einhalt geboten, hat die Besorgten behandelt wie Tütensuppe: aufkochen lassen und hoffen, dass danach alles genießbarer ist.

Dann verlor Kretschmer bei der Bundestagswahl sein Direktmandat im Wahlkreis Görlitz, nach 15 Jahren, an einen Malermeister von der AfD. Das schmieren sie ihm seitdem aufs Brot, auch in Aue: Ministerpräsident ohne Mandat, gekrönt durch Vorgänger Stanislaw Tillich. Er kann dann erklären, dass er ordnungsgemäß gewählt worden sei, dass Politik keine Alleingänge brauche, sondern Kompromisse. Es gibt Fälle, in denen kann er das genauso gut lassen: "Links, rechts, oben, unten - mir egal. Für mich steht fest, Merkel verarscht uns nach Strich und Faden", sagt ein Mann in grauem Strick und lässt ahnen, wie sehr der Verdruss über das ferne politische Berlin sich mit den Jahren verfestigt hat.

Bürgerforen wie diese hat es unter Tillich schon gegeben. Zur Hochphase von Pegida erhoffte sich die Staatsregierung dadurch wieder Anschluss an die Lebensrealität der Menschen. Die Gäste mussten sich anmelden und wurden an den Tischen platziert. Das wirkte geordneter, aber auch etwas steif und verkopft, wie es dem Ingenieur Tillich eben behagte. Kretschmer sagt, er bevorzuge den harten aber anständigen Austausch. Die meisten Bürger in Aue tun das auch. Sie berichten vom Ringen um das Pumpspeicherwerk Markersbach, vom verstaubten Computerkabinett der Oberschule in Stollberg. In Flöha brauche das Internet zu lange, genauso wie die Reichsbahnwaggons auf der Strecke von Chemnitz nach Leipzig.

Der Ministerpräsident - und das ist durchaus bemerkenswert in einem Raum, in dem die Luft bald nach Radeberger und Rage riecht - sitzt dort neben einem Sachsen-Wimpel und schwitzt nicht. Wenn ihn die Fragerei anstrengt, merkt man das nur daran, dass er seinen Kugelschreiber in der Hand dreht wie einen Tambourstab. Weniger souverän wirkte er, als er Mitte Januar im vollbesetzen Hörsaal 4 der TU Dresden stand. Angekündigt war ein Vortrag Kretschmers über den demokratischen Umgang mit Migration und Populismus. Der Ministerpräsident sprach 32 Minuten lang, über die Flüchtlingskrise, die ein "Stresstest" für "unser Vaterland" gewesen sei. Bei Fragen zu Familiennachzug und bürokratischen Hürden für die Integration wich er aus wie jemand, dem in der Lausitz der Wolf vors Auto läuft.

Michael Kretschmer

"Mit den Leuten von der AfD will ich nichts zu tun haben. Das wäre nicht gut für unser Land."

Nun sind junge Akademiker nicht die Wähler, die er von der AfD zurückholen muss. Im Frühjahr 2019 sind in Sachsen Kommunalwahlen, ein halbes Jahr später Landtagswahlen. Kretschmers Mission Impossible sieht so aus: Er kann mehr Polizisten ausbilden lassen, Lehramtsstudenten mit Verbeamtung locken, aber bis die Reviere besetzt und die Lücken in den Lehrplänen geschlossen sind, wird es dauern, zu lange, um bis zur Wahl Erfolge vorzuweisen. Die CDU möchte trotzdem stärkste Kraft werden, die AfD will das auch. Eine Zusammenarbeit hat Kretschmer ausgeschlossen, er tut das an diesem Abend erneut: "Mit diesen Leuten will ich nichts zu tun haben. Das wäre nicht gut für unser Land", sagt er. Was aber, wenn sein Gegner keine Partei ist, sondern ein Gefühl?

28 Jahre nach dem Mauerfall sind zwei von drei Sachsen überzeugt, Bürger zweiter Klasse zu sein. Das ergab kürzlich eine repräsentative Umfrage der Sächsischen Zeitung. Er könne mit solchen Umfragen nicht viel anfangen, sagt Kretschmer. Seit seiner Wahl im Dezember ist er demonstrativ gut gelaunt. Er wolle einen Freistaat voller "fröhlicher, zupackender Menschen", ruft er in Aue, und er soll sie bekommen.

Hinter Kretschmer steht eine kleine Frau in Steppweste mit krausem Haar. Sie beugt sich vor, legt den Kopf schief, um jedes Wort des Ministerpräsidenten zu erhaschen. Der redet gerade über die Bedeutung der Pflege, als sie ihm mit beiden Händen an die Schultern fasst: "Den Job will doch keiner mehr machen!" Es ist ein Griff irgendwo zwischen zärtlich und tätlich, wie ihn nur Krankenschwestern beherrschen. Und Kretschmer, der Volksprofi, lächelt sie an, als sei das hier eine Polonaise und keine Politikveranstaltung.

Die Frau, 54, möchte ihren Namen nicht hergeben, aber gegen ein Gespräch im Foyer hat sie nichts. Seit 19 Jahren leitet sie einen privaten Pflegedienst in einer abgelegenen Gemeinde: elf Mitarbeiter, wenig Zeit, viel Fahren. "Pflege, das war für mich immer warmes Wasser, warme Stube und einer, der mir zuhört", sagt sie. Heute sei alles Papierkram und Pfennigfuchserei. Ihr Eindruck vom neuen Ministerpräsidenten? "Frischer Wind, heiße Luft, man wird sehen", sagt sie und eilt zur Garderobe. Drinnen legt jemand Kretschmer einen Zettel hin: "Fortsetzung im großen Saal". Der Ministerpräsident kann hoffen, dass für ihn und sein Amt das Gleiche gilt. Er bleibt, bis keine Fragen mehr offen sind.

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