Russland:Vom Außenposten zur Metropole

Der strategische Pazifik-Posten Wladiwostok wird zur Hauptstadt des russischen Fernen Ostens. Die politische Aufwertung der Stadt hat aber wohl auch wahltaktische Gründe.

Von Frank Nienhuysen

Rührend sah das aus, Wladimir Putin und Xi Jinping in dunkelblauen Schürzen, vor sich je eine Kochplatte und eine Bratpfanne. Zwei mächtige Staatspräsidenten beim Backen von Bliny, russischen Pfannkuchen, die später noch mit Kaviar garniert wurden. Ort der kleinen Küchenschlacht war die russische Hafenstadt Wladiwostok, im September hatte Putin dorthin zum Wirtschaftsforum eingeladen. Die Stadt bot sich geradezu an, denn seit Jahren schon wird sie von Moskau aus als strategischer Außenposten am Pazifik gefördert. China, Japan, Nordkorea, alles nicht weit entfernt von der Stadt, die übersetzt "Beherrsche den Osten" heißt und mehr als 9000 Eisenbahnkilometer von der russischen Hauptstadt entfernt liegt.

Jetzt wird Wladiwostok noch einmal politisch aufgewertet. Sie wird neue Hauptstadt des Fernen Ostens, des größten der acht russischen Föderationskreise, der allein etwa anderthalb so groß ist wie die Fläche aller EU-Staaten zusammen. Putin hat den neuen Status am Donnerstag unterzeichnet. Wladiwostok löst damit das hübsche, am Amur gelegene Chabarowsk ab.

Erst im Oktober war die Verlegung der Fernost-Hauptstadt beantragt worden, und zwar von Oleg Koschemjako, der kurz zuvor zum Interims-Gouverneur der Region Primorje ernannt worden war, die wiederum zum Fernen Osten gehört. Koschemjako war natürlich sichtlich erfreut, dass sein Antragbrief an Putin so schnell beim russischen Präsidenten Gefallen fand. "Wladiwostok ist dessen würdig", sagte er dem Bericht zufolge, "es ist eine gerechte und richtige Entscheidung"; in seiner ganzen Geschichte sei die Stadt das Zentrum des Fernen Ostens gewesen.

Ein Hauptstadtwechsel, der in kaum mehr als zwei Monaten vonstattengeht, ist für russische Verhältnisse eine ziemlich flüssige bürokratische Prozedur. Eine Rolle zumindest für den Zeitpunkt der Entscheidung könnte dabei die Wahl zum Gouverneur von Primorje spielen, die an diesem Sonntag bereits zum zweiten Mal anstand. Einer der vier Kandidaten: jener Oleg Koschemjako, der sich so für die neue Hauptstadt Wladiwostok in die Bresche geworfen hat. Die Bürger dürften ihm den Einsatz sicher hoch anrechnen. Koschemjako tritt zwar offiziell als unabhängiger Kandidat an, ist aber Mitglied der russischen Regierungspartei Einiges Russland.

Koschemjako soll die Schmach der ersten Wahl im Herbst vergessen machen, als der Kreml seinen damaligen Kandidaten, den amtierenden Gouverneur Andrej Tarasenko nicht durchbekam. Dieser hatte sich loyal zu Moskau gezeigt und auch die umstrittene Rentenreform unterstützt. Dann aber geschah Erstaunliches: Bei der Stichwahl zum Gouverneursamt lag plötzlich während der Auszählung lange der kommunistische Herausforderer vorn, beim verkündeten Endergebnis aber wiederum der Kreml-Kandidat.

Es gab Fälschungsvorwürfe, es gab Demonstrationen. Schließlich wurde die Stichwahl annulliert und für diesen Sonntag die gesamte Gouverneurswahl erneut angesetzt, diesmal mit anderen Kandidaten. Koschemjako etwa. Mehrere russische Politologen machten deshalb deutlich, wie wichtig diese Abstimmung sei. Für Koschemjako, aber auch für das weit entfernte Moskau. So trat er also an, und hatte gleich zwei Hauptstädte im Rücken.

© SZ vom 17.12.2018
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