Russland Terroralarm in Sankt Petersburg

Mindestens elf Tote und Dutzende Verletzte: In einer U-Bahn der Millionenstadt explodiert eine selbstgebaute Bombe. Russland verschärft die Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Land.

Von Frank Nienhuysen

Bei einer Explosion in der Sankt Petersburger U-Bahn sind mindestens elf Menschen getötet und 45 verletzt worden, wie das russische Anti-Terror-Komitee der Nachrichtenagentur Tass mitteilte. Der Anschlag mit einem selbstgebauten Sprengsatz ereignete sich am Montag gegen 14.40 Uhr Ortszeit nach Abfahrt der Metro von der Station Sennaja-Platz Richtung Technologisches Institut. Der Sprengsatz sei direkt vor der Abfahrt im dritten Metro-Wagen deponiert worden. Ein zweiter Sprengsatz an der Station Platz des Aufstands konnte rechtzeitig entschärft werden. Die Behörden ermitteln auch wegen Verdachts auf einen Terroranschlag.

Laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax wurde die Explosion offenbar von einem Selbstmordattentäter ausgelöst. Die verdächtige Person sei 23 Jahre alt und komme aus Zentralasien, berichtete die Agentur unter Berufung auf Sicherheitskreise. Der Verdächtige habe Verbindung zu radikal-islamistischen Gruppen gehabt, die in Russland verboten seien. Eine Bekennernachricht gab es zunächst nicht. Ein Mann, nach dem aufgrund von Videoaufnahmen gefahndet wurde, stellte sich im Lauf des Abends der Polizei und gab an, nichts mit dem Attentat zu tun zu haben.

Bilder zeigten den zerstörten Teil eines Waggons und Helfer, die auf dem Bahnsteig der Metro-Station blutende Opfer versorgen. Der Verkehr der Petersburger U-Bahn wurde eingestellt, in Moskau und anderen russischen Städten wurden Sicherheitsmaßnahmen ebenfalls verschärft.

Ein Bewohner Sankt Petersburgs erzählte der russischen Zeitung RBK, er habe gesehen, wie ein Mann eine verdächtige Tasche in einen Waggon stellte, dann die Tür geöffnet habe und wieder ausgestiegen sei.

Russische Behörden schätzen die Sprengkraft der Bombe auf 200 bis 300 Gramm Dynamit, der Agentur Interfax zufolge war es möglicherweise eine Schrapnellbombe in einem Aktenkoffer. Die entschärfte zweite Bombe soll ein Kilo Sprengstoff und Splitter enthalten haben. Rund um den Anschlagsort in Sankt Petersburg gab es am Nachmittag ein solches Verkehrschaos, dass sich Taxi-Dienste spontan zu kostenlosen Fahren bereit zeigten.

Russlands Präsident Wladimir Putin war am Montag in seiner Heimatstadt. Die Bombe explodierte etwa eine Viertelstunde, ehe Putin seinen Auftritt auf einem Medienforum beendete. Kurz darauf traf Putin sich mit seinem weißrussischen Kollegen Alexander Lukaschenko, mit dem er den politischen und wirtschaftlichen Konflikt der vergangenen Monate beilegen wollte. "Leider sind wir gezwungen, unser Treffen mit einem tragischen Ereignis zu beginnen", sagte Putin. "Wir werden alle möglichen Varianten untersuchen, auch kriminelle, vor allem terroristische." Er kondolierte den Angehörigen der Opfer.

Russland, vor allem die Hauptstadt Moskau, war schon öfter Ziel schwerer Terrortaten, auch die Metro war bereits mehrmals von Explosionen betroffen. Im März 2010 starben 40 Menschen, als sich im morgendlichen Berufsverkehr zwei tschetschenische Selbstmordattentäterinnen an zwei stark frequentierten Stationen in die Luft sprengten. Der selbsternannte Anführer der Islamisten im russischen Nordkaukasus, Doku Umarow, reklamierte diesen und weitere Anschläge für sich. Immer wieder drohten kaukasische Islamistenführer, auch künftig Terror in russische Städte zu tragen. In den vergangenen Jahren blieb es, anders als in Westeuropa, in Russlands wichtigsten Städten aber ruhig.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich betroffen, "mit Entsetzen und Trauer" verfolge er die Nachrichten, "unsere Gedanken sind bei den Menschen in Russland". Bundeskanzlerin Angela Merkel schrieb in einem Kondolenztelegramm an den russischen Präsidenten, sollte es ein "feiger Anschlag" gewesen sein, "wäre dies ein barbarischer Akt, den ich aufs Schärfste verurteile". Ihre Gedanken seien bei den Familien der Opfer und den Verletzten.