Russland:Prügelknabe des Westens

Der Publizist Hubert Seipel macht sich zum Anwalt von Russlands Präsidenten - etwa durch Weglassen von Fakten. Dabei ist das Land viel mehr als Putins Politik.

Von Franziska Davies

Wer das neue Buch des Journalisten Hubert Seipel über "Putins Macht" zur Hand nimmt und ein Buch über Russland erwartet, der wird schnell enttäuscht werden. Um Russland, um die russische Gesellschaft, ihre inneren Widersprüche und Dynamiken, geht es dem Autor so gut wie gar nicht. Wer ein hintergründiges Porträt des russischen Präsidenten Wladimir Putin erwartet, der wird ebenfalls enttäuscht. Zwar wirbt Seipel für mehr Verständnis für Putins Politik, aber worauf denn nun innen- wie außenpolitisch Putins Macht beruht, darüber erfährt der Leser nichts. Da verwundert es auch nicht, dass in dem Buch keine einzige russische Quelle gebraucht wird.

Seipel geht es nämlich vielmehr um den Westen, allen voran Deutschland und Amerika und wie vor allem die USA im Umgang mit Russland alte Feindbilder beschwören. Deutschland, so Seipels Plädoyer, solle sich von den USA emanzipieren und stattdessen wieder die Verständigung mit Russland suchen. Aber auch hier bleiben Leerstellen. Wie genau eine bessere Zusammenarbeit mit Russland aussehen würde, darüber ist von Seipel kaum etwas zu erfahren. Zwar verweist er auf die sozialdemokratische Ostpolitik der 1970er-Jahre als Modell, eine tiefere Diskussion darüber, inwiefern sich diese auf die multipolare Welt zu Beginn des 21. Jahrhundert übertragen lässt, sucht man aber vergeblich.

Putin - einfach missverstanden

Statt um Russland geht es also in weiten Strecken um jenes Land, das Seipel für viele Missstände der internationalen Politik verantwortlich macht: die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Autor nutzt die Motive des Theaterstücks "Hexenjagd" von Arthur Miller, um seine These zu illustrieren, dass in den USA in den Medien und über politische Lager hinweg eine Dämonisierung Russlands stattfinde. Dabei operiert Seipel mit einem stets wiederkehrenden Muster: Er benennt - teilweise durchaus überzeugend - Missstände etwa in der amerikanischen oder polnischen Politik gegenüber Russland, um diese dann mit den Einlassungen des russischen Präsidenten in Kontrast zu setzen. Putin inszeniert er dabei als einen nachdenklichen, besonnenen, vom Westen stets missverstandenen Politiker. Eine kritische Analyse von Putins Rhetorik und seiner Politik bleibt vollständig aus. Eine kritische Distanz sollte von einem Journalisten aber stets gewahrt werden und nicht nur dann, wenn sie dem eigenen politische Weltbild entspricht. Seipel aber begnügt sich mit der Rolle des Anwalts des russischen Präsidenten.

A view shows a mural depicting Russian President Vladimir Putin in Kashira

Omnipräsent im ganzen Land: Porträt von Wladimir Putin auf einer Hausfassade in der Stadt Kaschira.

(Foto: Reuters)

Im Streit zwischen Polen und Russland um das Zustandekommen des Hitler-Stalin-Paktes, in dem im August 1939 die Sowjetunion und NS-Deutschland einen Nichtangriffspakt schlossen und in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Ostmitteleuropas vereinbarten, reproduziert Seipel einfach Putins Perspektive. Seiner Interpretation nach war der Pakt Ergebnis der Verweigerung der westlichen Mächte, mit der Sowjetunion eine gemeinsame Front gegen Hitler zu schließen. Diese Sichtweise ist nicht völlig falsch. In der Tat wurde etwa das Münchner Abkommen von 1938, in dem die "Abtretung" der Sudetengebiete ans Deutsche Reich besiegelt wurde, zwischen Deutschland, Großbritannien, Italien und Frankreich ausgehandelt und weder die Tschechoslowakei selbst noch die Sowjetunion einbezogen. Das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes ist damit aber noch nicht erklärt. Solche Ambivalenzen in Geschichte und Gegenwart sollten klar benannt werden.

Seipel misst mit zweierlei Maß

Was Putin in persönlichen Gesprächen mit Seipel äußert, hätte der Autor einer kritischen Überprüfung unterziehen müssen. Stattdessen offenbart sich in vielen Passagen eine erschreckende Ignoranz gegenüber denjenigen, die in Russland Diskriminierung und Ausgrenzung erleben müssen. In einer Passage zur angeblich überzogenen "westlichen Identitätspolitik" zitiert Seipel den Präsidenten mit der Aussage, dass die LGBT-Community in Russland völlig unbehelligt sei. Dabei ist über die massiven Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien auch in westlichen Medien berichtet worden. Die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen hat kenntnisreich über die gesellschaftliche Exklusion und Dämonisierung von Schwulen und Lesben in Russland geschrieben. All dies nimmt Hubert Seipel nicht zur Kenntnis.

Das Verletzen journalistischer Mindeststandards und das Messen mit zweierlei Maß zieht sich durch das ganze Buch. So suggeriert Seipel, dass es zweifelsfrei erwiesen sei, dass Joe Biden noch in seiner Funktion als amerikanischer Vizepräsident in der Ukraine versucht habe, die geschäftlichen Interessen seines Sohnes durch die Entlassung eines unbequemen Staatsanwalts zu schützen. Dieses von Donald Trump und seiner Entourage verbreitete Narrativ wird nicht nur von ukrainischen Antikorruptionsaktivisten als falsch zurückgewiesen. Dabei spricht Seipel hier durchaus einen Missstand an. Dass ausgerechnet der Sohn des amerikanischen Vizepräsidenten nach dem Sturz des Präsidenten Viktor Janukowitsch einen lukrativen Posten bei einem ukrainischen Gasunternehmen antrat, ist vermutlich juristisch irrelevant, politisch dennoch ein Skandal. Es zeugt mindestens von der politischen Instinktlosigkeit des amtierenden US-Präsidenten. Seipels Kritik wäre aber glaubwürdiger, würde er nicht selbst durch eine selektive Auswahl der Fakten und durch seinen Sprachgebrauch ein arg verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen.

Im Donbass ist es nur ein "Bürgerkrieg"

Den Aufstand 2013/14 auf dem Kiewer Majdan, an den sich die Ukrainer als "Revolution der Würde" erinnern, wird bei Seipel auf eine Veranstaltung von "Nationalisten und pro-westlichen Demonstranten" reduziert, die einen demokratisch gewählten Präsidenten stürzte. Die Vorgeschichte dieses Konflikts, die hemmungslose Selbstbereicherung Janukowitschs, die Gewalt, die er gegen die zunächst friedlichen Demonstrierenden einsetzte, die Korruption im Land, gegen die sich die Ukrainer zur Wehr setzten - all das ist Seipel keine Erwähnung wert. Die militärische Intervention Russlands, die für die Eskalation der Gewalt in der östlichen Ukraine maßgeblich mitverantwortlich war, wird schlicht unterschlagen, die Annexion der Krim ebenfalls ausgespart. Den Krieg im ostukrainischen Donbass stellt Seipel stattdessen grob vereinfachend als "Bürgerkrieg" dar. Den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko bezeichnet er durchaus zutreffend als "Oligarchen". Allerdings ist auch Putin in gewisser Hinsicht ein Oligarch, schließlich ist seine systematische Selbstbereicherung in einem Netzwerk aus (Ex)-Geheimdienstlern und organisierter Kriminalität seit den 1990er-Jahren spätestens seit dem akribisch recherchierten Buch über "Putins Kleptokratie" von Karen Dawisha erwiesen. Stattdessen stellt Seipel Putins Zeit im St. Petersburg der 1990er-Jahre allen Ernstes als eine Zeit dar, in der Putin gegen die "desolaten Zustände der postsowjetischen Ära" kämpfte.

Russland: Hubert Seipel: Putins Macht. Warum Europa Russland braucht. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 352 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Hubert Seipel: Putins Macht. Warum Europa Russland braucht. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 352 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Einer suggestiven und problematischen Sprache bedient sich Seipel nicht nur in Bezug auf Russland und die Ukraine. Im Zusammenhang mit der großen Zahl von Flüchtlingen, die im Sommer 2015 unter anderem nach Deutschland kamen, spricht Seipel davon, dass die Türkei Europa mit Menschen "geflutet" habe. Außerdem wiederholt er den rechten Mythos einer vermeintlichen "Grenzöffnung" durch Angela Merkel. Es ist bedauerlich, dass bei dem Versuch, für Verständnis für russische Perspektiven zu werben, ein derart einseitiges Buch herausgekommen ist. Denn Seipel spricht durchaus wichtige Dinge an, die in Deutschland und in Amerika viel zu wenig diskutiert werden. In der Tat nahm die Fixierung einiger Kommentatoren auf den angeblich allumfassenden Einfluss Russlands auf die amerikanische Politik teilweise absurde Züge an.

Problematischer Gedenktag

Und in der Tat ist die Resolution des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2019, in der die Parlamentarier NS-Deutschland und die Sowjetunion gleichermaßen für den Zweiten Weltkriegs verantwortlich machen, hochproblematisch. Dies ist im Angesicht der Abermillionen sowjetischen Toten und Traumatisierten, die nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 zu Opfern der Deutschen wurden, eine erinnerungspolitische Offensive, die in Russland verständlicherweise auf einhellige Ablehnung stößt. Jetzt jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 zum achtzigsten Mal. Ein Datum, an dem die Deutschen der Verbrechen ihrer Vorfahren gedenken sollten. An dem wir uns darauf besinnen sollten, dass sich dieser Vernichtungskrieg tief in das Gedächtnis unzähliger russischer, ukrainischer und belarussischer Familien eingebrannt hat und die postsowjetischen Länder bis heute prägt. Und wir sollten gerade angesichts der teils scharfen Differenzen im politischen Verhältnis zu Russland nicht vergessen, dass das Land so viel mehr ist als die Politik Putins.

Es ist betrüblich, dass sich oft diejenigen zu den Fürsprechern Russlands machen, denen es in erster Linie um eine politische Entlastung des russischen Präsidenten geht. Hubert Seipel ist dabei leider keine Ausnahme.

Franziska Davies arbeitet als Osteuropahistorikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die Geschichte Russlands im 19. und 20. Jahrhundert.

© SZ vom 21.06.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB