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Russland:Geflügelhof im Nirgendwo

Viel Land, kaum Menschen: Das Gebiet von Jakutien (hier in der Nähe von Werchojansk) gilt als die kälteste besiedelte Gegend der Welt.

(Foto: Arcticphoto/laif)

Russlands Präsident Putin will jedem Bürger einen Hektar Land schenken - doch der Plan hat einen Haken.

Von Frank Nienhuysen

Jakutien ist selbst den Russen ziemlich fremd, eine Republik, flächenmäßig fast so groß wie die Europäische Union und doch nicht mal mit einer Million Einwohnern. Ein Gebiet von radikaler Kälte im Winter, latent hochwassergefährdet im Sommer. Nicht von allem hat Russland im Überfluss, aber Land gehört sicher dazu. Zumindest östlich des Urals. Land, das Wladimir Putin nun zu verschenken hat.

Der russische Präsident unterzeichnete am Montag ein Gesetz mit dem Namen "Boden für das Volk", das viele Russen schon vom 1. Juni an zu neuen Grundstücksbesitzern machen soll. Demnach vergibt der Staat den erfolgreichen Antragstellern jeweils ein Landstück mit einer Größe von einem Hektar, also 10 000 Quadratmetern. Die ausgesuchten Gegenden liegen allesamt in Russlands fernem Osten: Jakutien gehört dazu, die Gebiete Magadan, Chabarowsk, Primorje, die Autonome Jüdische Region sowie die Insel Sachalin und die Halbinseln Kamtschatka und Tschukotka. Der Plan geht so: Ein russischer Bürger erhält das Stück Land, soweit verfügbar und nicht von Dritten beansprucht, für fünf Jahre kostenlos vom Staat. Kann er rechtzeitig nachweisen, dass er es nutzt, darf er es nach Ablauf der fünf Jahre pachten oder sogar behalten. Liegt es brach, muss er es wieder abgeben. Ein Hektar Land, und das kostenlos - das klingt nach einem großzügigen Geschenk in Zeiten der dauerhaften Wirtschaftskrise, und nur wenige Monate vor der russischen Parlamentswahl. Es hätte auch für Moskau einen großen Reiz.

Geht der Besiedelungsplan auf, wirkt er der demografischen Falle entgegen. Denn die Bevölkerung in der gewaltigen Fernostregion hat in den vergangen 20 Jahren um fast zwei Millionen Menschen abgenommen. Zugleich wird in Russland immer wieder die Angst befeuert, dass der Einfluss von Chinesen, die von jenseits der Grenze nach Russland kommen, stetig zunimmt. Auch deshalb ist das neue Gesetz wohl mit dem Verbot garniert, das geschenkte Land an Ausländer weiterzuverkaufen. Das russische Ministerium zur Entwicklung des Fernen Ostens glaubt höchst optimistisch, dass sich mit dem Gesetz langfristig die Bevölkerungszahl versechsfachen lässt.

20 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt stellt sich die Frage: Wer will da eigentlich hin?

Doch es hat seine Schwächen. Sogar Putins politischer Freund Alexej Kudrin, einst Finanzminister, tat das Landprojekt noch vor ein paar Monaten als "populistisches Programm" ab. "Jedes Stück Land braucht auch eine Infrastruktur, die es aber nicht gibt, und sie zu schaffen, ist teuer", sagte er. Ein Haken ist das in der Tat: Um nicht noch die Korruption zu nähren, muss der verschenkte Boden mindestens zehn Kilometer von einer Stadt oder 20 Kilometer von einer Großstadt entfernt liegen. In Russlands großen Weiten heißt das: Wie lange braucht man bis zur nächsten Schule, zum Kindergarten, wie weit ist es zum nächsten Arzt, Krankenhaus, Geschäft? Gibt es überhaupt Strom, passable Straßen zum neuen Grundstück? Kurz: Wer will da eigentlich hin?

Der Publizist Walerij Fedotow hält die ganze Sache deshalb eher für ein PR-Manöver, das unterschwellig vor "einer chinesischen Expansion schützen" und den Bürgern in Krisenzeiten etwas geben soll. Sogar die Zeitung Moskowskij Komsomolez, sonst gern auf Putins Seite, sieht das so populär wirkende Gesetz skeptisch: "Man denke daran, dass ein Hektar für eine normale landwirtschaftliche Produktion zu wenig ist. Im besten Fall kann man einen Geflügelhof daraufstellen oder ein Bienenhaus."

© SZ vom 04.05.2016

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