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Rumänien:Korruption und Kahlschlag

Holzeinschlag in Rumänien

Wo einst Bären wohnten, finden sich mehr und mehr Schneisen in den Wäldern: Der Hunger der Holzindustrie setzt Rumäniens Urwäldern zu.

(Foto: Kathrin Lauer/picture alliance/dpa)

Illegale Fällungen bedrohen Rumäniens Urwälder, die zu den größten in der EU zählen. Staatliche Kontrolle ist faktisch oft nicht existent.

Die Wissenschaftler der Prager Universität für Land- und Forstwirtschaft (CULS) waren schockiert, als sie in einen der größten erhaltenen Urwälder Europas zurückkehrten. In den rumänischen Făgăraș-Bergen, eineinhalb Autostunden von Hermannstadt, wuchsen jahrhundertealte Buchen und andere Bäume in den bis auf über 2400 Meter hinaufreichenden Tälern, fanden Braunbären und Luchse eine Zuflucht, seltene Eulen, Spechte und Fledermäuse sowie Hunderte Insekten- und Pflanzenarten. Als die Prager Wissenschaftler 2010 mit ihren Forschungen begannen, glaubten sie, dass dies auch so bleiben würde: Schließlich gab es keine Straßen, die in die steilen Bergtäler mit ihren dramatischen Felshängen und Wasserfällen führten.

Doch als die Wissenschaftler im Sommer 2018 für sieben Wochen zurückkehrten, waren sie entsetzt über den drastischen Wandel: Straßen waren in den Wald geschlagen, teils jahrhundertealte Bäume illegal gefällt, ganze Berghänge kahl. "Eine der wertvollsten Naturgegenden in der Europäischen Union verschwindet rapide", schlossen Martin Mikoláš und seine Kollegen, als sie ihre Beobachtungen Anfang 2019 in einem Bericht präsentierten.

Derlei Warnungen bleiben folgenlos - auch die von der postkommunistischen PSD geführte Regierung, die auch in Rumäniens Regionen oft die Mächtigen stellt, unternahm nichts. So spielte etwa Forstminister Ioan Deneș das Problem Ende Januar 2019 im EU-Parlament herunter. Illegaler Holzeinschlag beschränke sich auf private Wälder und sei "kein generelles Phänomen"; die staatliche Kontrolle sei effektiv. Dabei waren die Vereinten Nationen nach der Auswertung von Satellitenaufnahmen schon im November 2017 hoch alarmiert: Illegales Holzfällen in rumänischen Urwäldern sei eine der "bedeutendsten Bedrohungen für Nachhaltigkeit" im europäischen Naturschutz.

Europäische Holzfirmen drängten auf den Markt - und zahlten teils hohe Schmiergelder

Tatsächlich ist illegaler Holzeinschlag im armen Rumänien ein landesweites Milliardengeschäft - erst recht, seit Bukarests Beitritt zur EU 2007 den Verkauf von Holz einfacher machte, europäische Holzfirmen Sägewerke und Zweigstellen eröffneten und Geschäfte mitunter mit Schmiergeld beförderten. Rumäniens Sonderstaatsanwaltschaft gegen Organisiertes Verbrechen (DIICOT) schloss Ende Mai 2018 nach dem Durchsuchen von 23 Firmenniederlassungen, Mitglieder der Holzindustrie hätten zusammen mit Beamten etwa der Forstämter seit 2011 illegales Holzfällen in großem Maßstab organisiert. Die Polizei registriert in Rumänien jährlich 12 487 Fälle illegalen Holzfällens, so Greenpeace Rumänien.

Staatliche Kontrolle ist faktisch oft nicht existent. Der rumänischen Umweltgruppe Agent Green zugespielte Zahlen aus Rumäniens Waldinventur für die Jahre 2013 bis 2018 zufolge wurden jährlich über 38 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen - genehmigt waren 18 Millionen Kubikmeter. Die EU-Abgeordnete Carmen Avram beklagte Ende Juli, in ihrer Heimat werde jede Sekunde ein 20-Meter-Baum illegal gefällt. Fast ein Drittel rumänischer Wälder seien verschwunden, allein in den letzten fünf Jahren seien 243 000 Hektar abgeholzt worden. Das entspricht etwa der dreifachen Fläche des Stadtstaates Hamburg.

Agent Green, die deutsche Euro-Natur-Stiftung und die englische Organisation Client Earth haben die EU-Kommission in einer nun eingereichten Beschwerde aufgefordert, wegen massiven illegalen Holzeinschlags gegen Rumänien vorzugehen. Viele der Wälder, in denen illegal gefällt wird, sind als Nationalparks ausgewiesen oder stehen als Natura-2000-Gebiete unter EU-Schutz oder als Weltnaturerbe unter dem der Vereinten Nationen. Zudem widersprächen rumänische Bestimmungen zum Schutz der Wälder EU-Richtlinien. "Wir wollen mit unserer Beschwerde erreichen, dass die EU-Kommission wie zuvor im Falle Polens nun gegen Rumänien vorgeht und ein Vertragsverletzungsverfahren einleitet", sagt Gabriel Schwaderer von Euro-Natur. Am 17. April 2018 stoppte der Gerichtshof der Europäischen Union auf Antrag der EU-Kommission in einem Eilverfahren das Bäumefällen im polnischen Białowieza-Urwald, das EU-Recht widersprach.

Die Verstöße in Rumänien sind indes ungleich größer als in Polen. Rumänien verfügt vor allem in seinen Bergwäldern in den Karpaten über schätzungsweise zwei Drittel aller noch erhaltenen Urwälder in der EU außerhalb Skandinaviens. 2005 schätzte die sogenannte "Pin Matra"-Studie die Urwälder auf 220 000 Hektar. Seitdem sind 45 Prozent davon nach Analysen von Agent Green, Euro-Natur und Client Earth bereits verschwunden. Umweltschützer, die auf das Problem aufmerksam machen, stehen unter Druck.

Im Juli 2018 strich Rumäniens Regierung mit einem zuvor geheim gehaltenen Eilerlass die Rolle der "Wächter" in Natura-2000-Naturschutzgebieten. Zuvor konnten Bürgergruppen und Universitäten, Stadt- oder Kreisräte privilegiert und frühzeitig gegen fragwürdige Projekte oder Genehmigungen für Straßen, neue Hotels oder Schürfgenehmigungen in Nationalparks oder anderen Schutzgebieten vorgehen.